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    Warum ich laufe...   Letzte Änderung:
6.3.2005
         
    Spielen Sie Tennis? Ja? Hat Sie schon mal jemand gefragt, warum Sie das machen? Hat der Fragesteller dabei eine befremdliche Miene aufgesetzt, die keine Zweifel aufkommen lässt, was er vom Geisteszustand seines Gegenüber hält?    
         
    Ach so, Sie spielen kein Tennis. Dann vielleicht Fußball? Beach-Volleyball? Skate-Hockey? Golf? Gar Polo? All diese Tätigkeiten, mit denen der eine oder andere Zivilisationsmensch der westlichen Industriestaaten seine mehr oder weniger gut bemessene Freizeit totschlägt, ist genauso sinnvoll oder sinnlos wie eine Filzkugel mit einem Schläger über das Netz zu treiben. Für gewöhnlich kommt dennoch keiner auf die Idee zu hinterfragen, warum jemand gerade diesen Sport betreibt, wenn er denn in der öffentlichen Wahrnehmung als "normal" eingestuft wird. Wahrscheinlich ist es geradezu natürlich, hinter einem runden Leder herzuhecheln und als Andenken den Stollenabdruck des Gegners auf der eigenen Wade nach Hause zu nehmen. Es ist auch ziemlich sicher auszuschließen, dass jemals ein Buch erscheinen wird mit dem Titel "Philosophische Reflexionen zum Beach-Volleyball". Dann schon eher ein Bildband. Beim Laufen ist das irgendwie anders.  

Philosophische
Reflexionen?

 

 

 

In der Todeszone

       
    Philosophie, Psychologie, Motivation, Inspiration, Faszination, Hormone, Gene, bei keiner anderen Sportart bekomme ich massenweise erklärt, warum ich das tue, was ich tue. Da kann vielleicht gerade noch das Bergsteigen mithalten, die Frage, warum jemand in die Todeszone über 8000m hinaufsteigen muss, ist ja durchaus berechtigt. Vergleichbar durchgeknallt scheint es zu sein, um 5 Uhr morgens aufzustehen, die Laufschuhe zu schnüren und 45 Minuten bei Dunkelheit und Kälte durch die Gegend zu traben, schließlich ist der erste Marathonläufer ja auch nach dem Laufen gestorben. Angeblich. Daher muss man erforschen, was ein menschliches Wesen zu diesem Tun antreibt. Vorteil ist, der Läufer weiß hochwissenschaftlich Bescheid über sich und kann brav Auskunft geben.  
       
    Das macht der Läufer dann auch gerne. Bemühen wir Google. "Warum ich Fußball spiele" liefert immerhin sechs Treffer, darunter die aufschlussreiche Antwort "Weil ich diesen Sport liebe". Rund 100 Treffer gibt es dagegen für "Warum ich laufe" und jede Menge gute Gründe: Abschalten, Gesundheit, Bewunderung, geistiges und körperliches Wohlbefinden, Erfolg, Befriedigung, an seine körperlichen Grenzen zu stoßen, persönliches Ziel, Kopf freiblasen, gute Einfälle, Naturgenuss, spüre meinen Körper, Abnehmen... Ein Versuch mit "why I run" ergibt bald 7000 Treffer und tiefe Einsichten à la "You ask me why I run? The same reason I breathe, I have to!" oder auch, dass ich ein Buch mit genau diesem Titel kaufen kann.  
         
    Sprach ich eingangs vom Geisteszustand, muss man natürlich sagen, dass das Massenphänomen Marathonlauf durchaus zu einer gewissen Rehabilitation des Läufers geführt hat. Wundert sich die Presse noch über die Qualen, die sich die Massen freiwillig antun, hat jeder schon längst in der Familie, im Freundes- oder Bekanntenkreise eine oder einen, die bzw. der schon mal "gefinisht" hat. Oder kennt einen, der einen kennt. Marathonlaufen ist "normal" geworden. Für die Rolle des Verrückten steht glücklicherweise noch der Ultramarathonläufer zur Verfügung. Im Rufe eines "Extremsportlers" stehend, will Otto Normalbürger dann schon mal wissen "was sind denn das für Leute?" Wir schulden Oliver Stoll Dank für die Antwort zu dieser Frage und fassen zusammen: verrückt ist ganz normal.  
Im Ziel nach 73 km
Rennsteiglauf 2003
       
    Falls jetzt jemand auf die verrückte Idee kommt zu fragen, warum ich laufe, dem kann ich nur auf das nebenstehende Bild verweisen und mit Klaus Rütz (regierender Bürgermeister von Berlin zu Zeiten der APO) antworten: "Du musst diesem Typen nur ins Gesicht sehen".  
         
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