14.11.04 - 22. Maratona Ticino

Packendes Finish bei Traumwetter im spätsommerlichen Tessin

Temperaturen um den Gefrierpunkt, Hochnebel, nasses, trübes, ekliges Wetter, all das ist nichts Ungewöhnliches Mitte November in unseren Breiten. Natürlich läßt man sich als Marathonläufer von solchen Kinkerlitzchen nicht von seinem Lieblingssport abhalten. Aber – Hand aufs Herz – gesetzt den Fall, man könnte sich stattdessen bei angenehmen Temperaturen nur mit kurzer Hose und Singlet bekleidet unter stahlblauem Himmel auf bestzeitenverdächtig flachem Kurs austoben? Oder es geruhsamer angehen lassen und die herrliche Landschaft genießen? Seen, von steilen Bergen umrahmt, deren Gipfel vom ersten Schnee wie mit Puderzucker bestreut scheinen und einen ungemein reizvollen Kontrast zur herbstlich gefärbten Vegetation bilden...

Wer jetzt interessiert die Augenbrauen hochzieht, dem kann geholfen werden. Tessin-Marathon lautet der Tipp, der dieses Jahr wieder voll ins Schwarze traf. Schon die Fahrt am Samstag durch den Gotthard-Tunnel war geeignet, die Stimmung zu heben. Während sich noch am Nordportal dicke, graue Wolken stauten und eisige Kälte herrschte, fühlte man sich nur 18 km weiter südlich in eine andere Welt versetzt. Sonnendurchflutet – standesgemäß empfing der italienischsprachige Kanton seine Besucher an diesem Wochenende und am Lago Maggiore angekommen, konnte man bei spätsommerlichen 17°C die Winterjacke im Koffer verstauen.

Herbstliche Vegetation und schneebedeckte Gipfel am Seeuferweg des Lago

Tenero am Nordufer des Lago, wenige Kilometer entfernt von Locarno gelegen, bildet mit seinem Sportzentrum den Dreh- und Angelpunkt der Veranstaltung. Eine Infrastruktur, die wahrlich keine Wünsche offen lässt und sogar günstige Übernachtungsmöglichkeiten in 4- bis 6-Bettzimmern incl. Verpflegung bietet. Aber auch die ortsansässige Hotellerie und die Restaurants locken mit günstigen Offerten, die Saison ist beendet und man kann frei aus dem verbliebenen Angebot wählen. Das kaum ein Steinwurf entfernte neu erbaute Einkaufszentrum bietet jetzt für die Teilnehmer auch reichlich Parkplätze zum Nulltarif. Mit 30 Franken ist das Startgeld sehr günstig, dafür gibt es ein Säckchen mit Naturalien des Sponsors, ein Teilnehmer T-Shirt, beste Verpflegung sowie eine perfekte Organisation. Für die Zeitnahme kommt der bibChip zum Einsatz.

An alles gedacht: Abgabe der Eigenverpflegung

Start des Halbmarathons

Nach den einheimischen Läufern ist Italien mit 20% die zweitstärkste Teilnehmernation, dicht gefolgt von Deutschland mit diesmal 17% Finishern. Rund 1120 Läufer und Läuferinnen starteten beim Halbmarathon, nicht ganz 300 finishten beim Marathon, bei dem die topfebene Halbmarathonstrecke zwei mal zu durchlaufen ist.

Da die Halbmarathonis in zwei Blöcken 60 bzw. 50 Minuten vor dem Marathonfeld starten, sind praktisch keine Behinderungen der schnellen Läufer durch das hintere Feld der Halbmarathonis zu befürchten. Der eigentliche Engpass ist die Begegnungsstrecke am Seeuferweg entlang des Lago.

Aus diesem Grunde möchte man in Tenero auch ein kleiner Marathon bleiben. Mehr als 2000 Läufer würde die Streckenführung  nicht verkraften und gerade die reizvolle Passage am Seeufer müsste aufgegeben werden. Wird es dort doch mal etwas eng, so sorgt das Führungsfahrzeug – ganz italienisch ein Motorroller – mit Hupe zumindest für die Spitze für freie Bahn.

Susan Brocklebank blieb unter 3h30

Bis zum Schluss gut versorgt

Richard Blaettler greift noch mal zu

Für leichte Behinderung sorgten eher der Föhn, der sich schon am Samstag ankündigte und sich zum Glück überwiegend in der Nacht in stürmischen Böen entlud. Sonntag morgen am Start war zunächst nur ein laues Lüftchen zu vernehmen und man konnte sich auf den ersten Kilometern, die bald schnurgerade hinaus in die Magadino Ebene führen auch noch im Feld verstecken, es sei den man läuft ganz vorne, wie der in Italien lebende Kenianer Joel Limo, der rasch die Initiative übernahm und auf Kurs unter 2h20 gelegen haben dürfte. In respektvollem Abstand dahinter bildeten Marco Kaminski und Bruno Invernizzi vorerst eine Zweckgemeinschaft. Kaminski, amtierender Schweizer Marathonmeister und auf den Bergmarathons des Landes und des angrenzenden Liechtenstein immer ganz vorne zu finden, hat im Tessin bereits fünf Siege zu Buche stehen. Aber auch der eher im Triathlon beheimatete Invernizzi beendete hier den Lauf schon zweimal als Sieger.

Böiger Wind ließ manch Absperrgitter umfallen

Koy André war schon in Biel - Einmal musst du ins Tessin!

Die Zielgerade

Auf den ersten knapp 10 Kilometern kann man den ungehinderten Blick auf die umgebenden Berge genießen, dann passiert man wieder das Centro Sportivo. Auf der zweiten Runde ist damit ein gewisses Ausstiegsrisiko verbunden, wenn es nach 30 Kilometern nicht rund läuft, ist die Versuchung, den Lauf hier zu beenden, durchaus nicht von der Hand zu weisen. Obwohl nun die schönste Passage des Laufes wartet, der bereits erwähnte Seeuferweg entlang historischen Bauten und neuzeitlichen Villen im typischen Natursteinstil. Am Ende der Promenade erreicht man Locarno, dem mit einer Schleife durch das Zentrum Referenz erwiesen wird. Wieder entlang am See entlang geht es auf gleicher Strecke zurück zum Startgelände, um die zweite Runde in Angriff zu nehmen.

Applaus wenige Meter vor dem Ziel

Auch für Bernhard Widmann hat der Spaß gleich ein Ende

In Laufschuhen lässt sich die Sonne am besten genießen

Wer sich zahlreiche Zuschauer und südländische Begeisterung erhofft, den muss ich leider enttäuschen. Das Interesse ist gering, aber vielleicht wirken die aufmunternden „Forza“-Rufe in homöopathischen Dosen ja besonders. Dazu passend beträgt die Zielschlusszeit 4 Stunden und 30 Minuten, wer also gerne länger unterwegs ist und Stimmung an der Strecke sucht, kommt in Tenero nicht auf seine Kosten.

In der zweiten Runde musste der Kenianer Limo seinem hohen Tempo Tribut zollen und stieg aus. Aufgrund seines Zustandes veranlassten anwesende Polizisten vorsorglich den Transport ins Spital, wo aber Entwarnung gegeben wurde, so dass Limo die sofortige Heimreise nach Italien antreten konnte.

Marathon im Tessin - ein Land und ein Lauf zum Verlieben

Nun war der Weg frei für Kaminski und Invernizzi, Brust an Brust liefen sie auch die zweite Runde, um den Zuschauern am Sportzentrum einen packenden Endkampf zu bieten, der Erinnerungen an das Finish der Frauen kurz zuvor in New York wach rief. Marco Kaminski setzte sich im Schlussspurt durch und gewann denkbar knapp in 2:24:30 vor Bruno Invernizzi (2:24:40), der damit den Titel des Tessiner Marathonmeisters errang. Der dritte Platz war genauso hart umkämpft, Christoph Seiler verbuchte in 2:29:40 das bessere Ende für sich, Gerhard Schneble, der vor einigen Jahren hier schon eine 2h18 ablieferte, musste sich mit 9 Sekunden Rückstand mit dem vierten Platz begnügen.

Bei den Damen wurde bereits in der ersten Runde energisch um Positionen gerungen, mit Tatjana Suethering und Ingrid Mutter konnten sich zwei Teilnehmerinnen aus Deutschland aber nicht im Kampf um die ersten drei Plätze durchsetzen. Es gewann am Ende unbedrängt Astrid Amstad in glatten 3:01:00 vor Nicole Klinger (3:02:48) und Corinne Zeller (3:03:23).

Beim Halbmarathon kamen die Nachbarn aus Italien zum Zuge, Fabrizio Sutti (1:07.34) und Vittoria Salvini (1:17.50) waren die Sieger. Nicht umsonst kann man beim Tessin-Marathon jedes Jahr Stammgäste begrüßen, eine sympathische Veranstaltung, die sich nahtlos ins Flair des herbstlichen Tessin einfügt. Forza, Ticino 2005!