09.11.03 – 21. Maratona Ticino

Der Tessiner Marathon in Tenero zeigt sich von der allerbesten Seite

Wird man im Oktober noch überschüttet von Marathonangeboten, so wird die Auswahl im November schon deutlich dünner. Kurze, neblige, nass-kalte Tage, das verbindet man gemeinhin mit dieser Jahreszeit und die Vorstellung, bibbernd an der Startlinie zu stehen ist nicht gerade herzerwärmend. Ein Blick auf den Schweizer Marathonkalender fördert einen Lichtblick zu Tage: den Tessin Marathon.

Milde Temperaturen, von der Sonne verwöhnt, herrliche Seen, steile Bergwelt, malerische Dörfer in grauem Bruchstein erbaut, herrschaftliche Villen... das verbindet man gemeinhin mit dem italienischsprachigen Kanton. Klingt nach perfekter Kulisse für einen späten Herbstmarathon. Dazu ist das Tessin näher als mancher denkt. Tenero, gelegen am Ufer des Lago Maggiore, ist z.B. für Freiburger rein entfernungsmäßig etwa so weit wie nach Frankfurt - wenn sich auch auf dem Weg nach Süden das Jura und das Gotthardmassiv in den Weg stellen. So ist es nicht überraschend, dass die allermeisten der deutschen Teilnehmer in Süddeutschland beheimatet sind, bemerkenswert ist aber doch der hohe Anteil deutscher Marathonis, nämlich fast 20% der Gesamtteilnehmer und bei den Frauen sage und schreibe 40%.

Berge und der Lago Maggiore Startgelände am Centro Sportivo

"Wieviel Höhenmeter hat der denn" wurde ich im Vorfeld gerne gefragt, wenn ich mein Marathonziel bekannt gab. Zehn Meter pro Runde, die Antwort löste nicht selten Erstaunen aus. Tenero ist Start- und Zielpunkt des topfebenen Kurses, dessen minimale Höhenunterschiede durch wenige Brücken und Unterführungen zustande kommen. Mehrmals wurden hier bereits die Schweizer Marathonmeisterschaften ausgetragen. Da es der einzige (Halb)Marathon im Tessin ist - ein binationaler Lauf hinüber nach Italien wurde rasch wieder eingestellt, da Sand im Getriebe der länderübergreifenden Zusammenarbeit war - werden hier auch regelmäßig die Tessiner Meisterschaften ausgetragen.

Startlauf Ziellauf

Auf dem zweimal zu durchlaufenden Halbmarathonkurs findet natürlich auch ein Halbmarathon statt. Über 1100 Läuferinnen und Läufer entschieden sich für diese Variante, die Zieleinlaufliste für den Marathon weist rund 260 Teilnehmer auf. Auch wenn vor einigen Jahren schon mal insgesamt 1700 Läufer an Start waren, man ist mit dieser Beteiligung zufrieden, denn mehr als 2000 wären auf den teils schmalen Wegen mit Begegnungsverkehr kaum zu verkraften und mit einem strikt ehrenamtlichen Organisationskomitee nicht zu bewältigen, so Orga-Chef Paioni.

Tessin: Sonne und Palmen Stimmungsvolle Nester Gregory James: mit kühlem Kopf?

Wer sich von Norden her bereits am Samstag auf den Weg in das Tessin machte, der konnte nach dem Gotthard zumindest die Hoffnung auf schönes Wetter erst mal begraben. Schneefall bis in die Täler und Dauerregen in Tenero bei lausigen Temperaturen bereiteten einen ernüchternden Empfang. Start- und Zielgelände ist das erst vor zwei Jahren fertiggestellte Centro Sportivo Nazional (für Architektur Fans: ein Werk von Mario Botta), das mit seiner wirklich schönen Sporthalle eine hervorragende Infrastruktur für die Veranstaltung bot. Die Startnummern, die dort abzuholen waren, enthielten bereits einen codierten Chip inklusive Antenne, ein System, das sich schon im letzten Jahr erstmals bewährt hatte und auch dieses Mal kein Anlass zu Klagen gab.

Herbststimmung im Tessin Paul Kakaire Für das leibliche Wohl war bestens gesorgt

Geboten wird beim Tessin Marathon übrigens Sport pur. Neben einer Tasche mit Naturalgaben der Sponsoren gibt es ein Teilnehmer-T-Shirt, auf Medaille oder Urkunde wird genauso verzichtet wie auf andere Dreingaben wie Pasta-Party, Musikbands an der Strecke oder ähnliches aus dem Repertoire zeitgenössischer Eventmarathons. Dafür gibt es ein dichtes Netz von Versorgungsstellen, Massage nach dem Lauf und dazu passend erfolgt auch der Zielschluss bereits nach 4 Stunden und 30 Minuten. Das Startgeld ist moderat, 30 Fränkli sind für Schweizer Verhältnisse fast sensationell niedrig.

Achille Maganza: Gehpause vor dem letzten Kilometer muß auch mal sein Peter Kaufmann: Auch bei km 41 noch guter Laune Corinna Glaus mit Pacer Stefano Cattaneo: auch der Zeiger rennt

Am Sonntag früh dann Erleichterung sicher nicht nur bei den Teilnehmern, trockenes Wetter, leicht aufgelockerte Bewölkung und angenehm kühle Temperaturen versprachen einen idealen Marathontag. Ab 9 Uhr starteten im 10 Minuten-Abstand die Halbmarathonis in drei Blöcken, der Marathonstart erfolgte um 10 Uhr. Zuerst führt der durchwegs asphaltierte Kurs auf ruhigen Landwirtschaftswegen durch die Magadino-Ebene. Eine riesige Pfütze auf diesem Streckenabschnitt zeugte von den Wetterkapriolen des vergangenen Tag, mancher Teilnehmer demonstrierte Hindernislaufqualitäten und scheute den Sprung in diesen Wassergraben nicht, andere versuchten sich trockenen Fußes dran vorbei zu mogeln, was mehr oder weniger gelang.

1. Zanovello, 3. Invernizzi, 4. Stübinger 2. Monika Knoeri und 3. Corinne Zeller Remo Boehi hat´s gefallen

Am Ende dieser ca. 9 km langen Schleife passiert man wieder das Sportzentrum, bevor kurze Zeit später der Lago Maggiore erreicht wird. Von nun an läuft man auf einer kurzweiligen, attraktiven Begegnungsstrecke immer den Seeuferweg entlang hinüber nach Locarno. Erst nach mühsamen Verhandlungen mit der Obrigkeit konnte eine Schlaufe durch die Innenstadt von Locarno realisiert werden. Wer dort auf jubelnde Zuschauer hoffte, wurde allerdings enttäuscht, der Tessin Marathon fand quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, sieht man von ein paar Gästen in den Straßencafés und den Spaziergängern an der Uferpromenade ab, die dem Treiben allerdings eher befremdet folgten.

Marathon dreisprachig - mit sympathischen Schönheitsfehlern ... und weil´s so schön war, noch mal die Berge und der Lago Maggiore

Von Locarno aus geht es also auf gleichem Wege wieder zurück zum Centro Sportivo, wo die Halbmarathonis in den Zielkanal einlaufen und die Marathonis ihre zweite Runde in Angriff nehmen. Mittlerweile war das Wetter richtig schön geworden, die Sonne schien ohne dass es zu warm wurde, und jetzt erschloss sich die ganze Schönheit der Strecke. Leuchtende, neuschneebedeckte Berggipfel, das Farbenspiel der herbstlichen Vegetation, das südländische Flair am Lago konnten sicher auch verwöhnte Ansprüche zufrieden stellen.

Die Siege gingen allesamt nach Italien. Mirko Zanovello war mit 2:27:06 Tagesschnellster vor seinem Landsmann Elio Belluschi (2:29:24). Bester Schweizer war auf dem dritten Platz Bruno Invernizzi (2:29:43), der damit erfolgreich seinen Titel als Tessiner Marathonmeister verteidigte. Klaus Stübinger vom Münchner RRC belegte mit 2:29:49 Platz 4.

Bei den Frauen blieb Giovanna Meroni als einzige unter 3 Stunden und siegte unangefochten in 2:57:59 vor den Schweizerinnen Monika Knoeri (3:02:34) und Corinne Zeller (3:04:36).

Fazit: ein landschaftlich sehr schöner, bestens organisierter Marathon, der aufgrund seines flachen Profils nach einer neuen persönliche Bestzeit geradezu schreit. Ideal für trainingsfleißige Läufer, denen ein aufwändiges Rahmenprogramm eher unwichtig ist.