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    Schwarzwald-Marathon
oder: auf den Spuren von Original und "Fälschung"
13. 10. 2002
  © Michael Krüger
Letzte Änderung: 14.10.2002
 
Der
Marathon
ist
tot...
  Welche herbe Enttäuschung! Anfangs des Jahres erfuhr ich, dass der - man muss nun sagen - historische Kurs des Schwarzwald-Marathons, der Eduard-Stadel-Ring, Vergangenheit ist. Ein wunderschöner Landschaftsmarathon, dazu einer, dessen Geschichte seinesgleichen sucht: der erste Frauenmarathon, vor Jahrzehnten der teilnehmerstärkste Marathon der Bundesrepublik. Geopfert auf der Welle des Zeitgeistes, der flache, "bestzeitenfähige" Strecken, Zuschauermassen, Musikbands an der Strecke usw. fordert? Zielte nicht das Konzept des neuen Orga-Komitees auf die Stadtmarathon-Klientel? Statt einer großen Runde nun zwei Halbmarathon-Runden, "nur" noch 140 Höhenmeter, Guggemusik und mehr Zuschauer wurden versprochen. Ich war skeptisch. Dieser Marathon hatte für mich die Anziehungskraft verloren.  
Distanz 42,195 km
Aufstieg 140 m
Abstieg dto
Zeitlimit 5 h 30 m
Läufer ca. 660


Die Sieger in
Stein verewigt


Sa.: 8°

       
... es
lebe
der
Marathon
  Ein halbes Jahr später. Nachdem die Gesundheit wieder mitspielte, sollte es als Saisonausklang, als Trostpflaster sozusagen, noch ein Ultra sein, Ende Oktober findet in Endingen der Peter-Lauf statt, vor meiner Haustüre sozusagen. Nun bin ich dieses Jahr über die Marathonstrecke nicht hinausgekommen, was konnte ich zwischen Baden-Marathon und dem 100km-Lauf noch im Training erreichen? Ein "Doppeldecker", also zwei Marathons an einem Wochenende kamen mir in den Sinn und augenblicklich dachte ich an Bräunlingen. Am Samstag einen Marathon auf der Original-Strecke, am Sonntag dann den eigentlichen Wettkampf auf der neuen Strecke. Meine Frau könnte mich am Samstag mit dem Rad begleiten, ich könnte ein hübsches Hotel buchen, wir könnten ein nettes Wochenende im Schwarzwald verbringen...  
       
Alle
Wetter...
  12. Oktober, Samstag Morgen. Ich bin mir nicht mehr so sicher, ob die Idee so gut war. Grauer Himmel, Kälte und Schauer sind angesagt und es sieht so aus, als gehorche das Wetter den Prognostikern. Trotzdem, alles ist vorbereitet, wir werden das Beste daraus machen. Nachdem das Hotel bezogen ist, stehen wir 11:30 an der Bräunlinger Sporthalle. Das Liegerad wird beladen und der Temperatur entsprechend ausgerüstet ziehen wir los. Der leichter Nieselregen stört kaum. Zuerst gilt es den Einstieg in die Strecke zu finden. Den Streckenplan habe ich dabei, aber in Bräunlingen selbst ist er keine große Hilfe. Ich versuche mich zu erinnern, wo ich vor zwei Jahren gelaufen bin.  
       
Start
zum
Original
  Eine Straße kommt mir sehr bekannt vor und ich frage eine Anwohnerin, ob hier morgen der Marathon vorbeiführt. Sie bejaht, alles bestens. Wir verlassen Bräunlingen und finden die ersten auf den Asphalt gemalten Kilometermarkierungen. Allerdings entgegen der Laufrichtung. Ich wundere mich, doch erst etwas später, als Plan und Realität beim besten Willen nicht mehr zur Übereinstimmung gebracht werden können, wird mir klar, dass wir in der falschen Richtung gestartet sind. Gut, warum auch nicht?  
         
Orientierung
tut
not
  Die alte Strecke ist nach wie vor markiert mit Schildern (siehe Bild rechts) und oft (noch) mit gelben Pfeilen an den Bäumen, aber nur in der vorgesehenen Richtung. Trotzdem ist es empfehlenswert, die Kartenskizze mit zu führen, und wenn man entgegen der Laufrichtung unterwegs ist, allemal. In Waldhausen leiste ich mir den ersten Verhauer, kurzzeitig sind wir auf der 10km-Strecke unterwegs und wir müssen wieder umkehren.  
         
Kirnbergsee   Schließlich finde ich den Weg Richtung Unterbränd. Der schöne Uferweg am malerischen Kirnbergsee vermisse ich in der neuen Streckenführung, doch heute gehört er mir. Nach Unterbränd tauchen wir entgültig in den Wald, bald sind wir auf der kilometerlangen Gerade, der Langen Alle. Es steigt sachte aber deutlich, so wird auch Gertrud auf dem Rad einigermassen warm.  
         
Grünes
Farben-
spiel
  Mit Hilfe des Streckenplans ist die Orientierung problemlos. Der hochstämmige Wald ist am Boden mit saftiggrünen Moosen bedeckt, das Farbenspiel ist selbst bei dem tristen Wetter traumhaft. Mein Lauftempo ist langsam, Zeit zum Schauen und Genießen ist reichlich vorhanden. Nachdem die Halbmarathon-Distanz geschafft ist, geht es erst etwas bergab, um dann durch Oberbränd nochmal kräftig zu steigen, aber die letzten 15 Kilometer kann es Gertrud auf dem Rad überwiegen laufen lassen.    
         
Kälte   Mittlerweile ist es unangenehm kalt und Gertrud muss immer wieder anhalten und sich mit Übungen warm halten. Wir stoßen nun auf die neue Wettkampfstrecke, die restlichen 10 km proftieren wir von den Streckenmarkierungen. Nur kurz vor dem Hölzlehof gilt es aufzupassen, hier macht die neue Strecke einen Schlenker über Bruggen, wir jedoch wollen jetzt direkt nach Bräunlingen, das wir nach knapp 5 Stunden erreichen. 44 km zeigt der Tacho, genug für heute.    
         
Pasta
Party
  Mittlerweile ist einiges los am Startgelände. Auch ich hole meine Startnummer sowie T-Shirt und nachdem wir die Verkaufsstände der Sporthändler inspiziert haben, ist die Pastaparty in der Stadthalle eröffnet und ein paar Spaghetti habe ich mir redlich verdient. Nachschlag gibt es hier bis zum Umfallen und auch nichtlaufende Partner gehen nicht leer aus. So gestärkt geht's ins Hotel, wo wir Ermüdung und Kälte mit Sauna vertreiben, bevor wir uns an den Künsten des Hauskoches erfreuen. Draußen geht mittlerweile ein ordentlicher Regen nieder und wir sind froh, dass uns dies tagsüber erspart blieb.  
         
Träume
ich?
  Als ich am nächsten Morgen kurz vor 7:00 aus dem Fenster schaue, traue ich meinen Augen nicht. Am fast wolkenlosen Himmel kündet die Dämmerung den neuen Tag. Die Stimmung steigt, ich fühle mich prächtig, habe den gestrigen Lauf bestens verkraftet und am Frühstücksbuffet muss ich keine Kompromisse machen, denn auch heute ist langsames Laufen Trumpf, im 100km Wettkampftempo sollte ich heute um die 4 Stunden laufen.  
So.: ca. 14°
         
D'
Guggi
  Strahlender Sonnschein empfängt mich am Start, der Wettergott muss Bräunlinger sein. Die Guggenmusik der Mühlengeischter fetzt was das Zeug hält, No Woman, No Cry. Danach ist der Streckensprecher Pit Jenniches dran, der schon früh zu seiner berühmt berüchtigten Hochform aufläuft: "No Woman, No Cry, keine Frauen, kein Geschrei oder so ähnlich". Unbeeindruckt versammeln sich die Marathonis hinter der Startlinie, der neue Orgachef Klaus Banka gibt den Startschuss. Bei optimalen Verhältnissen trabt das Läufervolk los.  
         
Start
frei
  Nach einigen Metern laufen wir an der Stadtkirche vorbei. Bei Glockengeläut läßt sich der Pfarrer und seine Minestranten nicht nehmen, die Läufer mit freundlichem Applaus auf die Strecke zu schicken. Am Ortsausgang ist schon die erste Verpflegungsstelle, aber noch unbestückt, erst müssen wir eine Runde laufen. Bierkästen stapeln sich. Nanu? Topfeben geht es hinüber nach Bruggen, dann beginnt die erste Steigung. Wie an der Perlenkette aufgereiht deuten die flotten Läufer uns den Weg an. Nach einem kurzen Waldstück geht es auf Asphalt Richtung Hubertshofen, in der Nähe befindet sich der erste Verpflegungspunkt. Warmer Tee, Wasser, Iso, Bananen, übersichtlich, läufergerecht, perfekt.  
         
Höhepunkt   Wir befinden uns nun im Wald auf der "alten" Strecke, kreuz und quer laufen wir auf guten Wegen, Schlaglöcher sind frisch ausgebessert, die Orga überläßt nichts dem Zufall. Unweit Kilometer 10 weist ein Schild auf den höchsten Punkt des Rundkurses hin und kurz danach stoßen wir auf die Kreisstraße, die uns nun verkehrsfrei nach Unterbränd leiten wird. Teils geht es flott bergab, die nächste Guggenmusik kündet akustisch von weitem den nächsten Verpflegungspunkt an, etliche Zuschauer stehen an der Strecke und spenden Beifall.  
         
Zauber-
haft
  Auch wenn die neue Strecke nicht direkt am See entlang führt, immerhin haben wir einen herrlichen Blick von oben, bevor wir abermals ein Waldstück durchqueren. Dann passieren wir Waldhausen und genießen nun den ungemein reizvollen Blick auf das einige Kilometer entfernte Bräunlingen, der ganze Zauber dieser Landschaft entfaltet sich hier.  
       
Halbzeit   In Bräunlingen ist Halbzeit, hier feuern uns naturgemäß die meisten Zuschauer an. 2:01:12 bin ich unterwegs, ganz im Plan. Möchte ich nun wirklich dieselbe Runde nochmal laufen? Ein klares ja, auch die neue Strecke ist reizvoll genug, um sich nicht zu langweilen. Der Verpflegungsstand am Ortsende ist nun in Betrieb, doch wo ist das Bier? Ganz einfach: auch hier spielt jetzt die Guggenmusik und das macht Durst. Wartet ab, wenn wir erst wieder in Bräunlingen sind...  
         
Auf
ein
Neues
  Ein zweites Mal müssen jetzt die Steigungen bewältigt werden, auf der Strecke herrscht nun Gegenwind, was die Sache nicht leichter macht. Die ersten schalten auf Gehen um, ich beginne das Feld von hinten aufzurollen. Ich habe noch viel Reserven und mit einer etwas schnelleren zweiten Hälfte sollte es kein Problem sein unter 4 Stunden zu bleiben. Nach Kilometer 30 sind die meisten Anstiege bewältigt, es stehen 2h54 zu Buche, das sollte reichen.  
Im Ziel
       
Auf
Wolke
sieben
  Bis jetzt habe ich schätzungsweise 100 Läufer überholt und das, obwohl ich mein Anfangstempo nur beibehalten habe. Ein klarer Hinweis, wie viele zu schnell angegangen sind, man sollte die Strecke nicht unterschätzen. Kilometer 35, immer mehr müssen jetzt auch im Flachen Gehpausen einlegen, der Laufstil wird eckig, Krämpfe sind auszustehen, die Hämmer treffen. Ich dagegen laufe jetzt auf Wolke sieben, der Marathon macht mir tierischen Spaß, euphorisch und total lockeren Schrittes bedaure ich im Stillen meine Mitläufer, aber mir geht es auch nicht anders, wenn ich an meinen Grenzen auslote.  
         
Im
Ziel
  3h48 zeigt die Uhr bei 40 km, das reicht. Ich ziehe das Tempo an und der letzte Kilometer im 4:30er Schnitt ist mühelos, Endzeit 3:58:34. Ich strahle über beide Ohren, beide Tage verliefen perfekt nach Plan. Es ist mittlerweile angenehm warm, im Zielbereich werden diverse Getränke offeriert, kein Wunsch bleibt offen. Gepflegte Umkleiden mit echt heißen Duschen für alle Teilnehmer in der nahen, attraktiven Sporthalle, wo man übrigens auch kostenlos übernachten kann, es stimmt einfach alles in Bräunlingen und nachdem meine Skepsis gegen die neue Streckenführung verflogen ist, werde ich nun wieder nimmermüde das Hohelied auf den Schwarzwald-Marathon anstimmen. Allerdings ist der Asphaltanteil jetzt mit ca. 50% doch recht hoch, aber da hat wohl jeder seine eigene Vorlieben. Und dass keine Ehrungen der Altersklassensieger vorgenommen wurden, sollte sich nächstes Jaher korrigieren lassen. Zusammen mit dem Halbmarathon und dem 10km-Lauf ist die Trendumkehr geschafft und es bleibt zu hoffen, dass nächstes Jahr wieder mehr als 2000 Sportler den Weg nach Bräunlingen finden.  
       
    Den Nachmittag lassen wir im Freien ausklingen, genießen die herrliche Nachmittagssonne und nutzen das gastronomische Angebot, natürlich auch die gut bestückte Theke mit hausgemachten Kuchen... Bis zum nächsten Jahr !