29.06. - 5.07.03 - Swiss Jura Trail

Erlebnislauf über eine Woche

Von Genf nach Basel durch das Schweizer Jura, 323 km, 7 Etappen, über 8000 Höhenmeter im Auf- und Abstieg, schon die nackten Zahlen klingen vielversprechend. Der Lauf findet alternierend als Wettkampf ("Swiss Jura Marathon") oder als Erlebnislauf ("Swiss Jura Trail") statt. Dieses Jahr war die "gemütliche" Variante, der Trail angesagt. Gelegenheit, die herrliche Mittelgebirgslandschaft des Jura ohne den Druck eines Wettkampfes kennen zu lernen. Gelaufen wird in geführten Gruppen unterschiedlicher Leistungsstärke.

Im Vergleich zur Wettkampfversion ist der Trail etwas schlichter organisiert. Statt 8 Verpflegungsstellen begnügt man sich mit deren vier, so dass 10-12 km, teils mit tüchtig Höhenmetern zu laufen sind, bevor man wieder von den Helfern verköstigt wird. Eine Trinkflasche gehört somit zu der Grundausrüstung beim Trail, eine kleine Notration zu Essen dabei zu haben kann auch nicht schaden. Bei der Streckenmarkierung wird ebenfalls der Aufwand reduziert. Der Gruppenführer der vordersten Gruppe bringt die Markierungen an, während die letzten sie wieder einsammeln.

Instruktionen von Urs Schüpbach Jet d´Eau im Genfer See Übernachtet wird meist in Turnhallen

Da der Lauf größtenteils auf dem Jura-Höhenweg verläuft, kann man sich zusätzlich auch an dessen rot-gelber Raute orientieren. Natürlich haben auch die Gruppenführer gute Ortskenntnis, so dass Verlaufen so gut wie ausgeschlossen ist, es sei denn, die ganze Gruppe ist mal unaufmerksam oder ehrgeizig Vorpreschende sind einfach zu schnell. Vorsicht ist allerdings bei schlechter Sicht geboten.

Start zum großen Abenteuer Eines von unzähligen Drehkreuzen

Am Samstag nachmittag versammeln sich gut 40 Teilnehmer sowie rund 20 Helfer in Genf in der Cité Universitaire. Vom Marathonneuling bis zum Marathonsammler ist so ziemlich alles vertreten, nicht wenige sind Wiederholungstäter, insbesondere die Laufgruppenleiter haben alle die Strecke schon mehrfach bestanden. Die erste Gruppeneinteilung ist bereits vorgenommen aufgrund der bei der Anmeldung angegebenen Marathon- oder 100 km-Bestzeit. Ab dem zweiten Tag kann man sich täglich neu entscheiden, ob man in einer schnelleren oder langsameren Gruppe laufen möchte. Nach der Begrüßung durch Orgachef Urs Schüpbach erhalten wir erste Instruktionen. Am ersten Tag werden wir gemeinsam direkt am Genfer See starten. Frühstück gibt es ab 5:30, Gepäckabgabe bis 6:45, frühzeitig verziehen sich daher alle in die erste Massenunterkunft, ein wenig gemütlicher Zivilschutzbunker, um sich dort an die kommenden Nächte und ihr Schnarchkonzert zu gewöhnen.

Führer der schnellsten Gruppe: Jens Lukas Hindernislauf Schweißtreibend...

Am Sonntag morgen um 4:30 fiepen die ersten Wecker, die Nacht war kurz. Unsere Küchenequipe, Gerda und Armin, werden auch schon aktiv und bereiten zeitig das Frühstück. Morgentoilette, Laufkleidung wählen, Tapen, Salben, Flasche füllen, Schlafsack und Koffer packen, dieser morgendliche Rhythmus wird die nächsten Tage bestimmen. Um 7 Uhr sind alle bereit, um mit dem Bus zum eigentlichen Start zu fahren. Am Ufer des Genfer Sees ist das Starttransparent errichtet, eigens für unseren Anlass wird um diese Zeit der "Jet d'Eau" eine 140m hohe Wasserfontaine mitten im See in Betrieb genommen. 8 Uhr - Start frei, das Abenteuer beginnt.

Abstieg zum Lac de Joux Lac de Joux

Die ersten 25 km sind praktisch flach, gut zum Einrollen und Antesten, welches Tempo so in der Gruppe gewünscht wird. Bald finden die ersten Wechsel statt, dem einen ist das angeschlagene Tempo zu schnell und lässt sich zur nächsten Gruppe zurückfallen, dem anderen ist es zu langsam. Nach ersten genussvollen Kilometern am See entlang nehmen wir Kurs auf das Jura-Gebirge, bald leuchtet die Wetterstation auf dem Dôle herunter, respektvoll blicken wir hinauf, dort oben werden wir bald hochsteigen.

Malerisches Vallorbe Verpflegungsstation im Kuhstall

In La Rippe ist es soweit, 900 Höhenmeter sind zu bewältigen und wir gehen das in gemütlichem Gehtempo an. Hier schon Kräfte zu vergeuden kann sich im Laufe der Woche rächen. Oben gewinnen wir die ersten Eindrücke der herrlichen Landschaft, leider verhindert das hochsommerliche Wetter weitere Ausblicke, die Alpen verschwinden im Dunst. 400 Höhenmeter hinab nach St. Cergue und die erste Etappe mit 45 km ist geschafft. Bis auf Biel übernachten wir ab jetzt in meist freundlichen Turnhallen, die allen genügend Platz bieten. Gefragt ist der Massageservice, drei MasseurInnen kümmern sich um müde Beine und sonstige Wehwehchen.

Nebel am Chasseron Trailrunning...

So starten wir am Montag wieder frisch zur Etappe nach Vallorbe, 47 km werden wir an diesem Tag kennenlernen und die Eindrücke sind grandios. Ab heute starten wir zeitversetzt, die langsamste Gruppe um 7 Uhr, dann alle 20 Minuten eine weitere Gruppe, bis schließlich um 8 Uhr 20 die schnellsten Läufer auf die Reise gehen. Im Laufe des Tages überholen dann die schnelleren Gruppen, so dass im Ziel die ursprüngliche Reihenfolge meist wieder hergestellt ist. Glanzpunkt des heutigen Tages sind die Ausblicke auf den zauberhaften Lac de Joux, an dessen Ufer wir viele Kilometer zurücklegen. Heute haben wir insgesamt nur gut 700 Höhenmeter im Aufstieg, aber die Hitze ist gnadenlos, weit über 30 Grad erwarten uns in Vallorbe. Daher sind auch die (einmalig) kalten Duschen kein echtes Problem.

Steile Aufstiege Neufchâtel am gleichnamigen See

Etappe 3 ist die "Königsetappe". Nicht, weil sie besonders anstrengend ist, mit 37 km ist sie gar die kürzeste. Aber das Höhenprofil sieht aus wie zwei Zacken einer Königskrone, Le Suchet und der Chasseron werden überschritten. Nächtlicher Regen hatte die hochsommerliche Witterung der vergangenen Woche beendet. Hatten wir uns am Vortage noch ausführlich Zeit an den Getränkestellen gelassen, so wird heute schon mal gedrängelt, der enorme Temperatursturz geht mit einem eisigen Wind einher. Zu den oft felsigen und wurzligen Wegen kommen als zusätzliche Herausforderung nun schmierige, rutschige Passagen, Konzentration und ruhiges Tempo ist gefragt. Schade, dass Regen und Wolken keine Weitblicke zulassen, am über 1600m hohen Chasseron ist die Sicht gleich Null. So sind alle froh, gut das heutige Ziel in Fleurier zu erreichen.

Zauberhaftes Jura Oberschenkeltraining

In der Nacht fegt noch ein kurzer aber heftiger Sturm durch das Tal, so sind wir mit dem bedeckten Himmel zufrieden, immerhin bleibt es trocken. 15 km folgen wir heute dem topfebenen Val de Travers. Die Blicke fallen immer wieder auf die Steilabstürze am Rand des Tals. Dort müssen wir hinauf und bei Noraigue ist es soweit, Steilheit satt wird geboten und oben dann mit herrlichen Ausblicken zum Lac de Neufchâtel belohnt. Über den Mont Racine als höchsten Punkt des Tages mit spektakulärer Aussicht auf Neufchâtel, den Bieler See sowie den Chasseral laufen wir nach 42 km in La Chaux-de-Fonds ein, der Uhrmacher-Metropole im Jura.

La Chaux de Fonds Geselligkeit am Abend

Mit 53 km, 1340m Aufstieg sowie satten 1890m Abstieg kann man die 5. Etappe getrost als Kaiseretappe titulieren. Wer sie in guter Verfassung abschließt, läuft sicher in Basel ein, wer aber jetzt mit orthopädischen Problemen zu kämpfen hat, für den wird es schwer, denn das Restprogramm ist nicht minder anspruchsvoll. Für mich ist dieser Tag der schwerste, morgens fühle ich eine bleierne Müdigkeit, draußen ist es eiskalt. Wie gut, dass die Gruppe einen mitzieht, wir erzählen uns pausenlos Witze und die Zeit vergeht wie im Flug. Der zwischenzeitliche Regen macht nun auch endlich Pause und so genießen wir am Chasseral die fast nicht mehr erhofften Ausblicke. Der Abstieg von diesem Gipfel erweist sich erst als landschaftlicher Traum, und nach Biel hinab dann als kräftezehrender Abstieg.

Gefragte Dienste: Massage Balsthal Start zur letzten Etappe

Auch der 6. Tag bringt erst etwas Regen. Schon bald nach dem Start geht es happig bergauf, gut 900 Höhenmeter sind es bis zum ersten Gipfel. Die Namen zeigen es an, "Wäsmeli" statt "Montagne de Romont", wir befinden uns nun entgültig im deutschschweizer Sprachgebiet. Für mich war dies die schönste Etappe, obwohl das Wetter keine Aussicht zuließ, waren die luftigen Passagen am Grat über den Weissenstein mit seinen Steilabstürzen Genuss pur. Nicht weniger verlockend die netten Ausflugslokale, doch heute haben wir dafür keine Zeit. Ab Schwängimatt geht es brutal bergab, auf 3 km verlieren wir über 500 Höhenmeter bevor wir unser heutiges Ziel, Balsthal erreichen. Ein letztes Mal kommen wir in den Genuss einer Massage, allerdings erfreut auch alle die Vorstellung, morgen die Nacht im eigenen Bett zu verbringen.

Himmelsleiter? Das Basler Münster naht

273 km haben wir nun in den Beinen, 50 km sind es noch mal von Balsthal bis Basel, der Wettergott hat ein Einsehen und uns ist noch mal ein sonniger Tag vergönnt. So können wir nochmals ausführlich den Reiz der Jura-Landschaft erleben. Am Chellenchöpfli ist mit 1169m der letzte Kulminationspunkt erreicht. Permanent an Höhe verlierend lassen wir uns im schmucken Dorf Seewen von unseren Helfern verpflegen. Ein kurzer Aufstieg nach Gempen erfolgt, dann nehmen einige unserer Gruppe schon Stallgeruch wahr und fliegen förmlich hinab nach Münchenstein mit der schönen Holzbrücke. Dort formieren wir uns wieder, in den 7 Lauftagen hat sich unsere Gruppe als homogen erwiesen, und natürlich wollen wir - wie nach jeder Etappe - auch gemeinsam in Basel einlaufen. Die letzten Kilometer am Rhein entlang, in der Ferne sehen wir bereits das Münster, das Abenteuer neigt sich dem Ende zu. Mag der eine froh sein, es mit mehr oder weniger Blessuren geschafft zu haben, mag mancher gar Wehmut verspüren, dass es vorbei ist, doch alle waren sicher gleichermaßen stolz, die Herausforderung Genf - Basel bestanden zu haben.

Seewen Gruppe 2 im Ziel, 323km geschafft

Bei einem gemütlichen Beisammensein (mit von der Basler Regierung gesponsertem Imbiss) wurden alle Teilnehmer UND Helfer (!) geehrt, Urkunden, Swiss Jura Trail Uhr, Basler Leckerli und viel Applaus gab es für jeden, der zum Gelingen der Veranstaltung beigetragen hat.

Ich bin mir sicher, so manches Gesicht wird man wieder sehen, wenn Urs wieder zur Jura-Durchquerung ruft.