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    Swiss Alpine Marathon K78
28. 7. 2001
  © Michael Krüger
Letzte Änderung: 23.8.2001
 
Anreise   Eine Woche Zeit benötigt es mindestens zur Höhenakklimatisation. Nicht der Zweifel an dieser medizinischen Erkenntnis sondern der dazu nötige Zeitbedarf lässt mich doch erst am Donnerstag anreisen. Abends wandere ich noch ins Dischmatal, um den Ultraläufern Bernd und Michael Seitz, die auf einer abgelegenen Hütte Quartier bezogen haben, einen späten Besuch abzustatten. Am nächsten Tag nutze ich die in der Startgebühr inbegriffene Rundreise mit der Rhätischen Bahn nach St. Moritz, wo ich einen Aussichtspunkt erklimme und den See umrunde. Neben schönen Eindrücken bewirkt es ja vielleicht doch eine kleine Anpassung, wer weiß?  
Distanz 78,5 km
Aufstieg 2320 m
Abstieg dto.
Zeitlimit 12 h
Läufer K78 893


25° im Tal,
ca. 13° auf 2500 m

    Samstag früh. Nach dem Frühstück um 5:30 habe ich noch viel Zeit, also lege ich mich noch mal eine Stunde ins Bett. Dann die letzten Vorbereitungen, heute heißt es insbesondere Sonnenschutzcreme nicht vergessen! 7:30 mache ich mich langsam auf, die paar hundert Meter zum Sportzentrum zu überwinden. Ich komme noch rechtzeitig, um den Start zum Team-Wettbewerb mitzuerleben, ca. 120 Radler gehen als erste auf die Strecke. Es herrscht einiger Trubel, in der Stadionmitte wird ein Heißluftballon aufgeheizt. Ich vertreibe mir die Zeit mit Laufen, Dehnen und Trinken.  
         
Der Start   8:00, es kann losgehen. Hatte der Stadionsprecher vorher noch regelmäßig die Zeit bis zum Start angekündigt, war jetzt Fehlanzeige, urplötzlich knallt der Startschuss und erschrocken setzen wir uns in Bewegung. Nach einer knappen Stadionrunde unter Zuschauerbeifall laufen wir durch Davos, erst Richtung Davos-Dorf, dann auf der Promenade zurück nach Davos-Platz. Die meisten Zuschauer scheinen hier Feriengäste zu sein, die distanziert kühle Anteilnahme legt die Vermutung nahe, dass sie nur mal sehen wollen, was für Deppen sich anschicken, 78,5 km durchs Hochgebirge zu rennen. Drei Stangen dänisches Dynamit machen allerdings mehr Krach als alle anderen zusammen und feuern nicht nur "ihren" Läufer an.  
         
    Nach der ersten Getränkestelle (5 km) verlassen wir Davos auf der für uns gesperrten Kantonsstraße. Das Feld zieht sich jetzt auseinander, wir biegen von der Kantonsstraße ab, um in Lengmatte (8,8 km) wieder Flüssiges zu uns zu nehmen. Immer auf Asphalt, queren wir nochmals die Kantonsstraße, dann steigt es leicht hinauf nach Spina (11,7 km). Auf Naturwegen laufen wir jetzt durch Schatten spendenden Wald, sehr angenehm bei den jetzt schon herrschenden Temperaturen.  
         
    Ab Monstein (16,4 km) werden wir nun kräftig an Höhe verlieren. Trotz des flotten Tempos hat das etwas demoralisierendes, schließlich werden wir jeden einzelnen Höhenmeter wieder erarbeiten müssen. Doch zuerst laufen wir durch die Schlucht im Landwassertal, der erste landschaftliche Höhepunkt. Der breite Fahrweg führt immer wieder durch kurze Tunnels, um dann wieder den Blick auf die unten tosenden Wasser frei zu geben.  
         
Wiesner
Viadukt
  Über eine kleine Treppe verlassen wir nun den Fahrweg, der Weg wird schmal und wir nähern uns dem Wiesner Viadukt. Mit seiner Höhe von 88 m ist es für manchen schon eine echte Prüfung, für alle anderen ist der spektakuläre Blick etwas, was nicht jeder Lauf bieten kann. Ich habe das Glück, dass am Ende der Brücke ein Zug der Rhätischen Bahn hält, nicht wenige der heutigen Fahrgäste dürften "Fans" auf dem Weg nach Bergün sein und sparen nicht mit Applaus.  
         
    Nach Wiesen (24,1 km) steigt der Weg nur kurzzeitig an. Zur Bahnstation "Filisur", wo sich einige Zuschauer einfinden, wie auch zum Ortskern von Filisur (29,5 km) verlieren wir stetig an Höhe. Nach ungefähr 32 km erreichen wir den tiefsten Punkt des Laufes, jetzt liegen satte 1600 Höhenmeter Aufstieg vor uns. Auf der abgesperrten Autofahrstraße, also asphaltiert und praktisch schattenlos, schrauben wir uns in die Höhe. Es ist kurz vor 11 Uhr und die Sonne brennt gnadenlos. Mein Zeitplan passt perfekt und ich fühle mich gut, so gehe ich die Steigung im Laufschritt an, während die meisten hier auf Gehen umschalten.  
         
Bergün   Punkt 11:30 passiere ich das schöne Bergdorf Bergün (39,2 km). Hier und jetzt findet der Start zum Marathon (K42) statt, entsprechend viele Zuschauer säumen die Strecke. Der Startschuss fällt und die begeisterten Kommentare des Sprechers schallen aus den Lautsprechern. Die Marathonis laufen erst eine Schleife bevor sie in die eigentliche Strecke einmünden, so dauert es noch einige Zeit, bis uns die ersten Läufer überholen.  
         
    Durch das langezogene Val Tuors gewinnen wir immer mehr an Höhe, die Szenerie wird merklich alpiner. Ab der Verpflegungsstelle Valzana (48.4 km) geht es richtig zur Sache. In knapp 2000m Höhe muss die steilste Passage erklommen werden, 1,7 km mit fast 20% Steigung. Hier gehen alle, die Marathonis schneller, die Ultras langsamer. Mir geht es richtig schlecht, die Hitze, das Anfangstempo und vermutlich zu geringe Flüssigkeitsaufnahme fordern ihren Tribut. Langsam trotte ich den schmalen Bergpfad hinauf, die Konzentrationsfähigkeit lässt nach, kleine Stolperer schleichen sich ein, ich leide.  
         
Kesch-
hütte
  Für die 1,7 km brauche ich sage und schreibe 33 Minuten. Mein Magen rebelliert, an der Station Tschüvel (50,1 km) nehme ich Flüssiges zu mir soweit möglich. Es wird jetzt weniger steil, aber mehr als Gehen ist einfach nicht drin. Nochmals 32 Minuten für die nächsten 2,8 km, dann habe ich die Keschhütte (52,9 km, höchster Punkt des Laufes auf 2632m) erreicht. Ich werfe kurz einen Blick auf den Piz Kesch, in meinem Zustand bin ich aber wenig begeisterungsfähig. Ein kühler Wind weht über den Sattel, ein paar Wolken verdunkeln die Sonne und ich beginne sofort zu frösteln. So verziehe ich mich mit Getränken bewaffnet in den Eingangsbereich der Keschhütte, wo ich versuche mich etwas zu erholen.  
         
Panorama-
trail
  Als ich glaube mich etwas besser zu fühlen, mache ich mich auf den Weiterweg. Zum Glück geht es erstmal etwas abwärts, doch in der Meinung, jetzt würde ich wieder flotter vorwärts kommen, liege ich völlig falsch. Nach ca. 1,5 km zweigt der Weg ab und führt über den Panoramatrail (die Marathonis müssen zur Alp Funtauna absteigen und dürfen sich auf den kräftigen Gegenanstieg zum Scalettapass freuen). Der Panoramatrail schneidet zwar ideal die Bergflanke an, trotzdem, es ist ein stetes auf und ab, zahlreiche Rinnen mit Bächen müssen konzentriert überwunden werden. Jede noch so kleine Steigung gehe ich konsequent, wenn ich heute noch Davos erreichen will, muss ich was mir an Kräften übriggeblieben ist einteilen.  
         
    Tief unten im Hochtal sieht man die Marathonis, wie Perlen an der Schnur aufgereiht, zur Alp Funtauna streben. Das hat etwas Tröstliches, denn zum Scalettapass habe ich "nur" noch 100 Höhenmeter zu überwinden. Im Anstieg sind nun einige sulzige Schneefelder zu queren, mit denen mancher seine liebe Not hat, des Läufers Schuhwerk ist für derartige Vergnügen nicht gerade das Optimum. In dem Bereich kommt man sehr langsam voran, im Gänsemarsch tippeln alle hinter demjenigen mit den rutschigsten Sohlen.  
         
Scaletta-
pass
  Endlich, der Scalettapass (60,1 km)! 56 Minuten war ich unterwegs für die 7,2 km von der Keschhütte, mein Zeitplan ist nur noch Makulatur. Hier nimmt "Doc" Beat Villiger alle K78-Läufer persönlich in Augenschein und erkundigt sich nach dem Befinden. Meine Antwort "Ziemlich beschissen, aber jetzt geht's nur noch bergab, das wird wieder besser" kürze ich ab in "Bestens" und schon mache ich mich auf den Abstieg. Weit schweift hier der Blick hinab zum Dürrboden und bis ins Dischmatal, unsere weitere Route liegt zu unseren Füßen. Erstaunlich leichtfüßig laufe ich hinab, ich fliege geradezu an den anderen Läufern vorbei. Meine langjährige Bergerfahrung zahlt sich hier wohl aus, jeder Tritt sitzt, "Funktionslust" nennt das der Psychologe und die motiviert ganz ungemein.  
         
    Bis zum Dürrboden (64,4 km) verliert man rasch an Höhe, man unterschreitet jetzt die 2000m-Grenze, die Landschaft wird sanfter, lieblicher und die Luft wärmer. Mehr und mehr Fans machen es sich auf den Wiesen bequem. Zwei junge Frauen feuern mich an: "Super, Michael". Überrascht und echt gerührt blicke ich kurz zurück, sie haben einen Laptop mit der Starterliste bei sich, um jeden mit dem Namen ansprechen zu können.    
         
    In Teufi sind 70,1 km erreicht, Davos scheint greifbar nahe. Der Weg führt nun teilweise durch den Bergwald, der wohltuenden Schatten spendet. Der letzte Getränkestand - Duchli Säge - liegt schon am Ortsrand von Davos und suggeriert, es kann nicht mehr weit sein. Jetzt nur noch die Fahrstraße entlang... Doch halt, der Weg führt tatsächlich wieder in den Wald, und zwar immer wieder aufwärts! Mit Todesverachtung gehe ich die Steigungen, aber auch das ist irgendwann bezwungen. Ich verlasse den Wald, Davos-Platz hat mich wieder.  
         
Das Ziel   Zuschauer säumen die Straßen und zollen unserer Leistung freundlichen Respekt, der Beifall schwillt an, die Zurufe häufen sich, sobald ein Läufer mit roter Startnummer auftaucht. Schließlich biege ich ein ins Stadion, wo ich vor 8 Stunden und 50 Minuten gestartet bin. Eine letzte Stadiongerade, ein - soweit möglich - freundliches Gesicht für's Zielfoto aufgesetzt, arrivée! Ich nehme das Finisher-Shirt in Empfang und suche mir ein Plätzchen zum Sitzen. Meine Erschöpfung ist zu groß, um echte Freude zu empfinden. Dazu musste ich gut zwei Stunden warten, bis die Körperfunktionen wieder einigermaßen im Lot waren.  
         
Fazit   Der Swiss Alpine Marathon ist ein einzigartiger Landschaftslauf, ein Höhepunkt im europäischen Ultralaufkalender. Ein perfekt organisiertes Lauffest mit riesigem Rahmenprogramm, gerade richtig für eine touristische Hochburg wie Davos. Wenn "Kult" bedeutet "Jeder geht hin, aber keiner weiß warum", wird diese Veranstaltung niemals Kult werden. Denn wer einmal dabei war, weiß, warum er wieder kommt.