17.05.03 - 31. GutsMuths-Rennsteiglauf

Und immer wieder lockt das "R"

Isabella Bernhard mit phantastischem Streckenrekord

Dr. Thomas Miksch siegt zum 4. Mal in Folge

Was ist nicht schon alles geschrieben worden, um sich dem Phänomen zu nähern; Erklärungsansätze, warum Rennsteiglauf und Faszination in einem Atemzug zu nennen sind; Mosaiksteine, die nur einen unvollständigen, groben Eindruck hinterlassen können. Der Autor dieser Zeilen bekennt frei: er ist voreingenommen, parteiisch, ist er noch zurechnungsfähig? Ist das eigentlich heilbar?

Schwierig, aber es gibt ein einfaches Rezept um sich zu infizieren: geh' hin und laufe mit, und Du wirst diese Faszination erleben. Was als Plattitüde daher kommt, ist schlicht und ergreifend die Wahrheit. Wie für viele andere, so war auch für mich der Rennsteig Supermarathon der Einstieg in die Welt jenseits der 42195 Meter. Ist das grandiose Erlebnis erst mal verarbeitet, will man plötzlich mehr über diesen Lauf erfahren, über sagenumwobene Anfänge, der Laufveranstaltung zwischen Aufmüpfigkeit und repressiver Obrigkeit, deutsch-deutschen (diese Stotterei ist glücklicherweise Vergangenheit) Begegnungen, man rafft Publikationen zusammen, durchforstet Berichte der Zeitzeugen und steht unversehens das nächste Jahr wieder an der Startlinie. Der Ersttäter kehrt an den Ort des Geschehens zurück...

 
Super-Marathon: v.l. Heidrun Pecker,
Isabella Bernhard, Jutta Kolenc
Super-Marathon: v.l. Helmut Schiessl,
Dr. Thomas Miksch, Jan van den Driessche

73,2 Kilometer. Die Strecke hat mal wieder eine leichte Modifikation erhalten. Eine neue Fußgängerbrücke überquert die B247 nahe Oberhof, so können die Läufer jetzt dem Originalverlauf des Rennsteiges folgen, die Gesamtstrecke wird dadurch 1 km kürzer. Den Organisatoren ist bewusst, dass Tradition nicht das Bewachen der Asche bedeutet, jedes Jahr gibt es behutsame Änderungen und Neuerungen, aber manches ist nicht verhandelbar. So wurde die Annäherung des 43,1km langen "Marathons" an die Standarddistanz abgelehnt, denn der Verlauf auf dem Original-Rennsteig sowie der Cross-Charakter der Strecke sollte erhalten bleiben. Wünschenswert bliebe lediglich, dass solche Änderungen zeitig auf der Website des Rennsteiglaufes kommuniziert würden, wer rechnet schon damit, dass dies buchstäblich auf den letzten Drücker noch passiert?

Gepäckwiese Klaus Kläger (100km Endingen Direktor) mit Bernd Seitz (r.) Festwiese am Ziel in Schmiedefeld

In Eisenach zwingt die fortschreitende Stadtsanierung zu immer neuen Varianten, das Starttor steht diesmal nicht an der Karlstraße. Die Startrituale bleiben dennoch dieselben und so werden um 6 Uhr bei trockenem, angenehm kühlem Wetter ca. 1500 Supermarathonis auf einer Parallelstraße zum Nikolaiturm geleitet, um dann auf gewohnten Pfaden die Richtung zum ersten Kulminationspunkt, dem Großen Inselsberg einzuschlagen. Ganz locker auf und ab geht es erstmal, ist es das was so manchen Unerfahrenen zu einem hohen Anfangstempo verleitet, dass einem die Spucke wegbleibt? Der banale Rat langsam anzugehen, wer ihn nicht beherzigt, für den ist das Leiden vorprogrammiert. Dabei ist die Taktik einfach: wer sich bis zum Inselsberg zurückhält, hat kraftschonend mehr als die Hälfte der Höhenmeter erlaufen und wird viele Schnellstarter wiedertreffen.

Impressionen im Zieleinlauf

Hat man an der Hohen Sonne schlussendlich den eigentlichen Rennsteig erreicht, steht man an der Glasbachwiese das erste Mal vor der Frage, Schleim oder nicht Schleim. Ich "oute" mich hier gerne als "Schleimer", besonders mag ich die Heidelbeer-Variante. Dazu Wasser, etwas Tee, zum Schluss Cola - auch wenn in Thüringen abenteuerlich schmeckende Varianten geboten werden. Allen Haferschleim-Skeptikern kann ich nur sagen, nicht der Wunsch, ein "echter" Rennsteigläufer zu sein (der MUSS nämlich) ist hier mein Leitgedanke, nein, Überzeugung aus eigener Erfahrung lassen mir keine andere Wahl.

Nach der vorsichtigen Bewältigung der steilen Bergab-Passagen vom Großen Inselsberg gönne ich mir an der Grenzwiese eine zweite Portion Schleim. Der Magen ist zufrieden, der Körper warmgelaufen, die Uhrzeit mittlerweile christlich, das Höhenprofil moderat. Jetzt lasse ich es rollen, das macht tierischen Spaß und wie zur Bestätigung traut sich auch die Sonne durch den wolkenverhangenen Himmel, schnurstracks ist die Ebertswiese erreicht und mit 37,4 km ist nicht nur ziemlich genau Halbzeit, sondern auch der Punkt erreicht, wo sich kluge Renneinteilung auszuzahlen beginnt. Ab jetzt werden die Karten neu gemischt. Im Anstieg vor den Neuhöfer Wiesen können die ersten Plätze gut gemacht werden.

Impressionen im Zieleinllauf

Wer sich dann am Grenzadler zur Zwischenzeitnahme noch gut fühlt, der kennt kein Halten mehr. Das gilt beileibe nicht nur für das Mittelfeld. Ein Beispiel: Jörg Schreiber von der LG München lag dort noch auf dem 13. Platz. Seine kluge Renneinteilung brachte ihn bei seinem ersten Ultralauf schließlich in der Endabrechnung auf Rang 5, Respekt! Doch noch ist es nicht so weit, erst muss der höchste Punkt des Laufes bewältigt werden, die letzten Kraftreserven werden am Anstieg zum Großen Beerberg gefordert. Vielleicht habe ich bei den Bergab-Passagen vorher etwas übertrieben, jedenfalls beginnt zu meinem Entsetzen mein linker Oberschenkel leicht zu krampfen. Ich kenne sowas sonst gar nicht, sofort stelle ich eine Verbindung zwischen Gehirn und Oberschenkel her, übernehme die Kontrolle über den Muskel. Locker bleiben... Zu meiner eigenen Verblüffung funktioniert das, zwar möchte der Muskel bei jedem Anstieg zugehen, aber ich lasse ihn nicht. Mittlerweile hat leichter Nieselregen eingesetzt, die Wetterverhältnisse waren gesamt betrachtet ideal.

 
Dr. Thomas Miksch Isabella Bernhard (Portrait im Laufreport HIER)

Auf dem Großen Beerberg angelangt bin ich mir sicher, den Lauf gut zu überstehen. Derweil fallen in der Spitze die Entscheidungen. Dr. Thomas Miksch (TV Jahn Kempten) gewinnt zum vierten Mal in Folge den Supermarathon (5:19:02) vor Helmut Schiessl (TSV Buchenberg, 5:23:48). Der Belgier Jan van den Driessche sichert sich den 3. Platz in 5:28:44. Wer schon vor dem Lauf Isabella Bernhard (TSG Maxdorf) als Favoritin gesehen hatte, wurde nicht enttäuscht, sie fügt ihrer phänomenalen Entwicklung ein weiteres Glanzlicht hinzu, und siegt mit neuerlichem Streckenrekord in auch für die verkürzte Strecke phantastischen 5:58:50. Heidrun Pecker folgt mit deutlichem Abstand in 6:22:53, Jutta Kolenc (TG Biberach) belegt Rang 3 in einer Zeit von 6:26:24.

An der Schmücke werde ich über meine augenblickliche Platzierung informiert. Seit meiner Erstteilnahme war es ein heimlicher Traum, einmal unter die ersten 100 zu laufen. Dies scheint nun im Bereich des Möglichen, einen Läufer nach dem anderen kann ich hinter mir lassen. Laufen hat viel mit Emotionen zu tun - wer wollte das bezweifeln.

Doch das erste Mal in meinem Läuferleben kann ich nachvollziehen, dass mancher im Ziel von seinen Gefühlen überrollt wird. Schon jetzt steckt mir ein (Thüringer?) Kloß im Hals beim bloßen Gedanken an den Zieleinlauf. Auf den letzten Metern entlang den begeisterten Zuschauern bleibt keiner cool. Du musst den Finishern nur ins Gesicht blicken, ihre Begeisterung ist ansteckend. 73,2 km sind besiegt. Ich selbst erfülle mir meinen Traum und kann mit Mühe die Tränen zurückhalten.

Faszination Rennsteig - noch irgendwelche Fragen?