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    Rennsteiglauf Supermarathon
19. 5. 2001
  © Michael Krüger
Letzte Änderung: 2.8.2001
 
Erlebnis-
bericht
  Mein ganz persönliches Jubiläum: von der Premiere beim letztjährigen Rennsteiglauf mit dem Ultralaufvirus infiziert, zieht es mich wieder magisch an den Tatort - ein Jahr Ultramarathonlaufen.  
Distanz 74,3 km
Aufstieg 1490 m
Abstieg 989 m
Zeitlimit 12 h
Läufer 1107


um die13°

       
Die
Vorbereitung
  Der 6 Stunden-Lauf in Nürnberg (17.3.) mit 70 km war sicher eine gute Grundlage. Die Kilometer kann mir niemand mehr nehmen und liefern eine gute Basis um meine Laufzeit zu prognostizieren. Es folgten 9 Wochen, in denen die Abweichung des Ist vom Soll des Trainingsplans nicht größer sein konnten. In den Wochen 4, 5 und 6 trainiere ich nur lächerliche 35 bis 40 km. Ich finde nur zweimal die Zeit für einen langen Lauf am Wochenende, einmal 4 Std. und dann am 1.Mai 5 Std.auf meiner Lieblingsstrecke im Schwarzwald, der dann aber so locker geht, daß ich beschließe, mich nicht verrückt machen zu lassen. Als Ausgleich zum fehlenden Trainingsfleiß mache ich in der letzten Woche konsequentes Carbo-Loading und gehe zeitig schlafen.  
         
19. Mai,
4:00
  Aufstehen, in Ruhe vorbereiten! Abkleben, einschmieren, nur keine heikle Stelle vergessen. Um 4:30 gibt's Frühstück, wie jedes Jahr ist das komplette Frühstücksbuffet für die Rennsteigläufer schon um diese Zeit hergerichtet, doch ich begnüge mich mit Brötchen und Marmelade. Der Gang ins Freie - nachts hat es geregnet, es ist frisch, bedeckt, aber nicht so kalt wie das Jahr zuvor, die ewige Frage: kurze oder lange Hose? Ich entscheide mich für lang. Jetzt entdecke ich, daß ich am Vorabend vergaß, die Marschtabelle wie üblich an mein Uhrarmband zu kleben. Kleine Panik, bis der kleine Zettel gefunden war, schließlich wollte ich heute testen, wie nützlich die Tabelle hier sein wird.  
         
Auf geht's   Wir machen uns auf zum Start. Durch die Gassen von Eisenach streben wir zum Marktplatz, nicht mehr weit ist es, da durchzuckt es mich: ich habe meine Hüfttasche vergessen, die ein paar Dinge enthält, die mir während des Laufes wichtig sind. Meine Frau sprintet zum Hotel zurück - ob das mal gut geht? Am Marktplatz haben sich schon um die tausend Läufer eingefunden, die Lautsprecher dröhnen. Ich bin skeptisch, ob meine Frau es noch rechtzeitig schafft und versuche, mich nicht über die kleinen Pannen zu ärgern. Um im Gewühl nicht unterzugehen, stelle ich mich auf den Marktplatzbrunnen. 5:58, gerade gebe ich die letzte Hoffnung auf, klappt es doch noch. Mit meiner Tasche reihe ich mich noch schnell ein.    
         
Der Start   10-9-8-...-1-0! Der Eisenacher Bürgermeister kämpft mit der Startpistole, es fiept, als die Chips über die Matte schweben, da fällt doch noch der Startschuß. Kaum sind wir in Bewegung, müssen wir schon abbiegen - Baumaßnahmen in der Fußgängerzone. An der nächsten Straßenecke stehen Pfosten um Autofahrer abzuhalten, tückisch, da im Pulk nicht zu sehen. Mein Nachbar bleibt mit dem Oberschenkel dran hängen und flucht. Durch das Nikolaitor hindurch verlassen wir den Stadtkern und kurze Zeit später tauchen wir in den Wald ein, das Abenteuer beginnt.    
         
Moosbacher
Linde ?
  Der Schweiß tropft wie in der Sauna und ich verfluche meine lange Hose. Der Weg ist nun schmal, Überholmaneuver sind zahlreich, jeder versucht seinen Rhythmus zu finden. Nach 20 Minuten beruhigt sich die Sache, jetzt sollte der erste Verpflegungspunkt an der Moosbacher Linde kommen, die erste Möglichkeit zur Überprüfung des Tempos. Bin ich wirklich so langsam? Keine Getränkestelle weit und breit. Nach einigen Minuten wächst die Gewißheit, ich bin dem ersten Fehler in der Streckbeschreibung aufgesessen.    
         
Wald-
sportplatz !
  Dafür gibt es die zweite am Waldsportplatz. Ich bin 5:17 schneller als geplant. Ich traue der Sache nicht recht, schließlich laufe ich locker, atme ganz ruhig. Ein Schluck Wasser, und weiter geht's. Jetzt erreichen wir den eigentlichen Rennsteig. Vier freilaufende Pferde kommen uns entgegen und sorgen für Heiterkeit unter den Läufern. Wir gewinnen mehr und mehr an Höhe und ein kühles Lüftchen weht ganz leicht, jetzt finde ich meine lange Hose doch angenehm. Im Gegenteil, die Finger werden kalt, und dieses Jahr habe ich die Handschuhe dabei!    
         
Mann,
bin ich
schnell !?
  Am nächsten Fixpunkt, nach 12,7 km bin ich 14 Minuten schneller als der Plan. Waaas??? Mein Vertrauen in die Streckenbeschreibung ist auf den Nullpunkt gesunken. Das kann ja nicht sein. Lakonisch denke ich, na ja, bist gut in der Zeit. An der Glasbachwiese gibt es die erste Verpflegung. 1:40 bin ich nun gelaufen und bei dem lockeren Tempo ist es ein einziger Genuß hier unterwegs zu sein. Meine Stimmung ist prächtig, hier und da gibt es schöne Aussichten auf die Umgebung.    
         
Inselsberg   Jetzt gilt es den ersten Höhepunkt zu erklettern. Der Anstieg zum Inselsberg ist stellenweise steil, wie die meisten gehe ich diese Passagen um Kraft zu sparen. Ein gutes Gefühl stellt sich am Gipfel (916m) ein, das ist geschafft. Steil geht es dann hinunter zur Grenzwiese, der Weg ist asphaltiert, naß und mit Tannennadlen übersät. Ganz vorsichtig gehe ich den Abstieg an während andere mit Karacho an mir vorbeiheizen, Respekt!    
         
Flotte
Mädels
  An den Verpflegungsstellen bin ich nun konsistent 14 min vor Plan. Laufe ich heute auf einem anderen Stern oder bin ich zu schnell? Bei Kilometer 30 überholen mich kurz hintereinander Heike Gliesche und dann Bärbel Jacobi, sie werden am Ende Platz 5 bzw. 3 der Frauenkonkurrenz belegen und erteilen mir so eine Lehre in Renneinteilung. Offensichtlich sind sie den Inselsberg verhalten angegangen um jetzt auf dem flacheren Profil richtig Gas zu geben.    
         
Das
Zeitpolster
schmilzt
  Vier Stunden sind nun gelaufen und die Oberschenkel sind noch - anders als vor 2 Monaten in Nürnberg - ganz locker. Ab und zu kommt mittlerweile die Sonne heraus, dafür gibt es auch mal einen kurzen Regenschauer. Die Temperaturen empfand ich als ideal. Der Zeitvorsprung gegen meine Marschtabelle nimmt jetzt kontinuierlich ab. Ich nehme mir vor, bis zum Grenzadler (54,7 km) schön locker zu bleiben, denn dann beginnt der Lauf erst richtig.    
         
Grenzadler   Nach 5:10:06 überlaufe ich die Zwischenzeitnahme am Grenzadler. Die Urkunde wird später 58 km ausweisen, dies ist m.E. falsch. Alles klappte bisher am Schnürchen und jetzt gönne ich mir einen Becher köstlichen Schleim. Der soll mich die fehlenden Höhenmeter zum höchsten Punkt des Laufes hinauftragen. Fünf Stunden haben die Glykogenvorräte ganz gut gereicht. Aber jetzt schnaufe ich kräftig um soviel Sauerstoff wie möglich in den Körper zu pumpen.    
         
Grosser
Beerberg
  Von der Suhler Ausspanne geht es mit durchschnittlich 5,5% Steigung zum Großen Beerberg hoch, mit über 60 km in den Beinen für mich zu steil zum Laufen. Gehend erarbeite ich jetzt hart jeden Meter. Nach etwas mehr als 6 Stunden pasiere ich den höchsten Punkt. Ich bin zwar nur noch 2,5 Minuten vor meinem Plan aber meine Beine fühlen sich so frisch an wie nach 10 km. Ein Woge der Euphorie beginnt mich nun zu tragen. Ich spüre, dass ich meine gesetzten Ziele erreichen kann, doch noch liegt eine Stunde vor mir. Jetzt ist der Kopf dran.    
         
Der Kampf
beginnt
  Überwiegend geht es nun bergab, ich kann das Tempo hochhalten, was mich ungemein motiviert. Wenn da nicht noch die kleinen Zwischenanstiege wären... Jeder noch so kurze Anstieg tut jetzt doppelt weh. Hatte ich insgeheim nach den guten Zwischenzeiten gehofft unter 7 Stunden bleiben zu können, wird jetzt klar, daß das ein Ziel für die Zukunft bleibt. 7:05:52 war meine Prognose und die lag im Bereich des Möglichen.  

Nach 7:04:11
am Ziel

       
Schmiedefeld   Der Zielort ist schon zu sehen, aber das täuscht. Die 72 km-Markierung führt es unerbittlich vor Augen. Die zahlreichen Wanderer feuern uns an. Schließlich ist der Ortsrand erreicht. Irgendwie irreal kommt mir die Situation vor, Wanderer, Fußgänger, Passanten schlendern gemütlich durch den Ort, während ich keuchend, verschwitzt, verklebt mit verzerrtem Gesicht noch das letzte gemeine Hügelchen bewältige. Dann endlich höre ich den Trubel auf dem Sportplatz, Lautsprecheransagen, Beifall.  
       
Der
Zielkanal
  Leicht abwärts geht es nun das Ziel entgegen. Meine Euphorie und Freude ist jetzt grenzenlos, ich gebe alles was ich kann und trotzdem strahle ich über beide Ohren. Die Zuschauer jubeln und ich schreie ihnen mein Glück entgegen. Ein Lauf, wie er schöner nicht hätte sein können, ist zu Ende. 7:04:11.  
         
Die Erde
hat mich
wieder
  Ich hatte es nicht zu hoffen gewagt, aber die Veranstalter haben es tatsächlich geschafft, die Sanitärsituation zu verbessern. Ein grosses Umkleidezelt mit schön warmen (!) Duschen war sicher das dicke Plus von der organisatorischen Seite. Die Urkunde per Sofortausdruck gab es nach kurzem Anstehen sowie ein sehr schön gestaltetes Finisher-Shirt. Nach den vielen Kohlenhydraten war jetzt zum Schwarzbier ein Heringsbrötchen mit saurer Gurke genau das richtige. Meiner allerbesten Laune konnte nicht mal der "Anton aus Tirol" im Festzelt etwas anhaben ;-) Worüber ich allerdings nur staunen kann - und ich bin jetzt noch perplex darüber und habe keine Erklärung dafür - ist, daß ich nicht die geringsten Muskelprobleme habe. Treppen? Kein Problem! Vielleicht weil ich weniger trainiert habe, meinte meine Frau. Vielleicht :-)