14.06.03 - 4. LGT Alpin-Marathon in Liechtenstein

Carolina Reiber mit Streckenrekord

Thomas Engeli landet ersten Sieg


Waren Sie schon mal in Liechtenstein? Nein? Ihre Vermögenssituation ist nicht derart, dass Sie die klischeehaften Dienste dort in Anspruch nehmen? Dann geht es Ihnen wie mir. Oft schon in der Nähe gewesen, vorbeigefahren, je nach Fahrtrichtung rechts oder auch links liegen gelassen. Nach Liechtenstein kommt man nicht zufällig, nein, da muss Absicht dahinter stecken. Für Läufer gibt es seit vier Jahren einen äußerst guten Grund das Fürstentum zu besuchen: den LGT Alpin-Marathon.

Mit 1800 Metern Höhendifferenz sind Vergleiche mit dem Jungfraumarathon natürlich unvermeidlich. Allgemeiner Tenor ist: der LGT Marathon ist schwerer durch seine ständigen Rhythmuswechsel, dabei sind 600 Höhenmeter im Abstieg zu bewältigen, Qualitäten im Abwärtslaufen sind somit auch gefragt. Knapp 550 Starter nahmen dieses Jahr die Herausforderung an. Es geht also familiär zu und das Ambiente der Veranstaltung paßt sich da nahtlos ein. Schon bei der Startnummernausgabe bedient man sich - wer will - mit Kaffee und Gipfeli.

Birgit Lennartz wieder im Wettkampfgeschehen Kurz vor dem Start Einrollen am Rhein

Reichlich zum Einsatz kommt an diesem Morgen Sonnenschutzcreme. Um die 30 Grad waren prophezeit und Erinnerungen wurden wach an das Vorjahr, wo bei schwüler Hitze eine hohe Ausfallquote zu verzeichnen war. So sind vor dem Start etwas außerhalb von Bendern die Schattenplätze gesucht, bis sich schließlich kurz vor 9 Uhr alle ohne Hektik ihre Startposition suchen. Schon hier zeichnet sich ab, dass die ersten flachen 10 km kein Langweiler wird. Am Rande des topfebenen Rheintals türmen sich unvermittelt die Bergriesen auf, beeindruckend das Alpstein-Gebirge auf Schweizer Seite mit den markanten Kreuzbergen, einem Eldorado für Kletterer. Auch wir werden heute klettern, allerdings ohne die Hände zu gebrauchen.

Pünktlich erfolgt der Start auf der Straße Richtung Vaduz, ohne Gedrängel setzt sich das Läuferfeld gleichmäßig in Bewegung. Trotz Chip-Zeitnahme wird auf die Startmatte verzichtet, wen kümmert's, nach ein paar Sekunden sind alle über die Startlinie. Ich habe das Gefühl, dass sofort nach dem Startschuss die Schweißproduktion einsetzt. Also gehe ich jetzt einfach mal davon aus, dass mir die nächsten 5 Stunden die Sonne auf's Hirn brennt. Rechne mit dem Schlimmsten! Alsbald verlassen wir die Asphaltstraße Richtung Rhein und siehe da, wohltuender Schatten empfängt uns dort in einem dichten Wäldchen, und es sollte glücklicherweise nicht der letzte sein.

Auf den ersten Kilometern Schatten spendender Wald Erster Blick auf Schloss Vaduz Schluss mit lustig - der Aufstieg beginnt

Nach 5 km gibt es die erste der gut bestückten Verpflegungsstellen, von dort weg geht es schattenlos auf dem Rheindamm entlang, herrliche Ausblicke auf die Umgebung sind der gerechte Ausgleich. Das Feld hat sich eingerollt, sobald auch nur ein Zaun etwas Schatten verspricht, wird wie an der Perlenkette aufgereiht hintereinander gelaufen, um dem Körper möglichst viel Sonnenstrahlung zu ersparen. Bei Kilometer 10 nehmen wir zwischendurch mal ein paar Treppen, noch ist alles harmlos, wir nehmen Kurs auf Vaduz und oben am Berg zeigt sich erstmals das Liechtensteiner Wahrzeichen, Schloss Vaduz.

Höhenmeter fressen Laufen und Schauen?

Im Hauptort empfängt uns die Bevölkerung mit freundlicher Aufmunterung, auch die unglaublich zahlreichen Helfer an der Strecke feuern uns stetig an. Zeitweise scheint es mir, als ob heute jeder Liechtensteiner ein gelbes Shirt mit dem Aufdruck "Staff" trägt. Verlaufen ausgeschlossen. Am Ende der Einkaufsstrasse wird uns unbarmherzig angezeigt, rechts abbiegen, es wird ernst, die ersten 1200 Höhenmeter liegen vor uns. Ist die erste Anhöhe erklommen, kann man sich noch etwas erholen und beim Vorbeilaufen den Blick auf das Schloss Vaduz genießen. Dann geht es zur Sache, 15% Steigung kündet das Verkehrszeichen an, nicht nur Automobilisten sind gefordert einen Gang zurück zu schalten, wir schrauben uns auf der Fahrstrasse nach oben, die allermeisten im flotten Gehschritt.

Supporter erwarten ihren Favoriten Laufen, über herrliche Wiesen

An den Verpflegungsstellen werden Schwämme zum Objekt der Begierde. Neben mir grantelt einer: "Wo nehmen die nur die vielen Höhenmeter her, jetzt müssen wir doch bald oben sein." Hat man das geschafft, ist nicht nur Halbzeit bei der Streckenlänge, sondern man hat einen Bergkamm erreicht, der bezaubernde neue Einblicke in die Liechtensteiner Bergwelt erlaubt, hinab ins Hochtal der Samina, wo ein kleiner See einen reizvollen Blickfang bildet. Da dort auch noch eine Verpflegungsstelle geboten wird, muss man sich echt zusammenreißen, um nicht länger als nötig zu verweilen. Wer glaubt, das Schlimmste sei jetzt überstanden, wird eines besseren belehrt. Natürlich fliegt man erstmal locker hinab nach Steg, doch dann geht es einige Kilometer stets auf und ab, bis man auf dem happigen Anstieg zu Kilometer 35 seine restlichen Glykogene verpulvert.

Alpine Szenerie Zielort Malbun Flüssiges war Trumpf

Längst ist die Vegetation alpin geworden, dann taucht er auf, der Kessel mit dem Zielort Malbun, der Sprecher am Zieleinlauf tönt herauf, die flotten Läufer beenden bereits das Rennen. Für die Übrigen steht nun die berüchtigte Schleife an, einmal gilt es diesen Kessel zu umrunden, und die Höhenmeter, die dabei noch zu bewältigen sind, tun weh. Hier konnte dann auch Thomas Braukmann (D) mit der Spitze nicht mehr mithalten. Der Vorjahresvierte verbesserte zwar seine Laufzeit um fast 3 Minuten, musste aber dennoch mit dem 5. Platz zufrieden sein. Marco Kaminski (CH), Sieger im letzten Jahr, machten Magenprobleme zu schaffen und er kam auf Rang 4. Ab Kilometer 40 geht es hinab nach Malbun und auf dem letzten Kilometer fiel die Entscheidung, Thomas Engeli (CH) siegte in 3:14:19 vor Karl Jöhl (CH, 3:15:10). Über den dritten Platz freute sich der Liechtensteiner Pfarrer Markus Kellenberger (3:15:38).

v. l.: Jöhl, Engeli, Kellenberger Thomas Braukmann v. l.: de Pay, Reiber, Lennartz

Bei den Frauen war eine spannende Konkurrenz vorprogrammiert. Mit Julia Alter, Birgit Lennartz und Gudrun de Pay waren klingende Namen aus Deutschland angereist, die gemeldete Elke Hiebl startete nicht. Dennoch blieb der Sieg in Schweizer Hand. Carolina Reiber lief 20 Minuten schneller als im Vorjahr und belegte den ersten Platz in neuem Streckenrekord von 3:45:18. Gudrun de Pay, die amtierende Deutsche Senioren-Berglaufmeisterin wurde Zweite in 3:48:37 vor Birgit Lennartz (3:53:26). Julia Alter komplettierte das hervorragende Abschneiden mit dem 5. Platz hinter Luzia Schmid.

Die Bergszenerie um Malbun hielt auch lange nach Laufende viele gefangen. Zielbereich und Festzelt waren lange gut gefüllt, und als ich um 16:30 Uhr den Rückweg antrat, saß dort immer noch ein Thomas Braukmann und genoss die Nachmittagssonne.  Der LGT Marathon bietet nicht nur einen abwechslungsreichen, landschaftlich außergewöhnlich schönen und höchst anspruchsvollen Kurs, sondern auch eine perfekte Organisation, der man geradezu Detailbessenheit bescheinigen darf und die mit ungeheurem Einsatz und Engagement zu Werke geht. So wird der LGT Alpin-Marathon auch in Zukunft einen festen Platz im Terminkalender viele Läufer finden.