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    Freiburg Marathon
2. 4. 2006

Bremsen, Ziehen... – als 3:30 Schrittmacher durch die Breisgaumetropole

  © Michael Krüger
Letzte Änderung: 8.4.2006

 

         
    An manche Jobs gerät man wie die Jungfrau ans Kind. Wollen wir Letzteres als – sagen wir – „Unfall“ deuten, sind wir auch was „Laufjobs“ betrifft schon ganz nahe dran. Denn in Läuferkreisen ist es die Verletzung, die zumindest temporär geeignet ist, einen Läuferlebensentwurf durcheinander zu bringen.

So geschah es auch dem vorgesehenen 3:30-Zugläufer, eine Verletzung setzte ihn außer Gefecht, und schon hatte ich einen Job. Einen, den ich zugegebenermaßen nicht ungern annahm. Das vorgesehene Tempo war ideal für meine Vorbereitung auf die Deutschen Meisterschaften im 100 km-Lauf in Hanau-Rodenbach.

 
Distanz 42,195 km
Aufstieg ca. 60 m
Abstieg dto.
Zeitlimit 6 h
Läufer ca. 2350

 

         
    Doch ein Job kommt selten allein und schon sind wir wieder beim Unfall. LaufReporterin „im Dienst“ Elke Händel, die darauf brannte, brandheiß aus Freiburg zu berichten, stürzte sich entweder in die oder aus der Badewanne. Egal welche Richtung es war, jedenfalls wurden die Laufwerkzeuge in Mitleidenschaft gezogen (gute Besserung von hier aus!), was den verantwortlichen Redakteur bewog, sie von ihren Berichtspflichten zu entbinden und sich eines Zugläufers in den eigenen Reihen zu erinnern, der doch noch zusätzlich was… Wie die Geschichte ausging, muss ich wohl kaum weiter erläutern.  
ca. 15°C
         
    Also wollte ich mich erstmals als Zugläufer bei einem Marathon versuchen. Gelegentlich auch Bremsläufer genannt, stellt sich die Frage, soll er nun ziehen oder bremsen? Nur böse Zungen behaupten, der Zugläufer wäre für die 3 Stunden-Aspiranten da und der Bremsläufer für die 5 Stunden-Klasse. Nein, in Wirklichkeit ist beides gefragt und zwar alles zu seiner Zeit.  
       
    Zu Beginn hat der Schrittmacher dafür zu sorgen, dass die geballte Energie im Zaum gehalten wird. Die mittels Superkompensation und Nudelmast prall gefüllten Kohlenhydratspeicher in Tateinheit mit durch zahlreiche Trainingsläufe optimiertem Fettstoffwechsel und der perfektionierten Ökonomie aller beteiligten Prozesse, all das macht uns an der Startlinie praktisch unbesiegbar. Erfahrungsgemäß lässt dieses Gefühl mehr oder weniger bald deutlich nach. Bei manchem mag es sich infolge Trainingsrückstands gar nicht erst eingestellt haben. Grund genug also, um am Anfang zu bremsen.  
         
    Gezogen werden darf noch früh genug, wenn die einst stolzen Energievorräte auf einen kümmerlichen Rest geschrumpft sind und aus dem anfänglichen Laufstilisten ein Sauerstoff pumpendes Fettstoffwechselmonster geworden ist, dessen Laufokönomie sich in steilem Sinkflug befindet wie ehemalige Hochtechnologiewerte des Nemax 50.    
         
    Erstaunlicherweise kommt beim Bremsen wie auch beim Ziehen das gleiche Tempo heraus. Diese scheinbare Verletzung physikalischer Gesetzmäßigkeiten hört neudeutsch auf den Namen „even pacing“ und macht es dem Schrittmacher leicht, das optimale Tempo zu bestimmen. Wer 3 30 sagt, meint natürlich 3 29 und eine einfache Rechnung zeigt, dass man mit einem Schnitt von 4:58 pro Kilometer nach 3:29:34 im Ziel ist. Passt, so einfach ist also Laufen.    
         
Die
3h30-Gruppe
 
     
         
    Um möglichst viele Laufenthusiasten an dieser Art des Leichtlaufens teilhaben zu lassen, schlüpft der Schrittmacher nicht nur in ein Sponsoren-T-Shirt (an dessen schreiendes Metallic-Blau vermutlich mehrere Generationen von Farbstoffchemikern geforscht haben), sondern er bindet sich einen mit Helium gefüllten Ballon irgendwo an den Körper, auf dass er auch in der Masse der Marathonaspiranten gut sichtbar sei. Zu diesem Zweck dient auch das Vorwettkampfschrittmachertreffen, dort werden Pro und Contra der unterschiedlichsten Befestigungsvarianten erörtert, wobei ich mich entscheide, den Ballon einfach hinten am Kragen mit einer Sicherheitsnadel zu befestigen.    
         
    Ab diesem Zeitpunkt verändert sich schlagartig meine Umwelt. Wo ich auch auftauche, überall vernehme ich „3 30“. Mit Müh’ und Not bugsiere ich beim Toilettengang den prallen Gummiball durch die Tür, ohne dass er dazwischen zerquetscht wird, schon schallt es mir entgegen „3 30“. Anfangs zufrieden, dass der doppelt beschriftete Ballon offensichtlich ganz gut zu dechiffrieren ist, mache ich mich langsam auf Richtung Startfeld. „3 30“ verfolgt es mich in der Messehalle. Nichts wie raus. „3 30“, also von Legasthenie kann zumindest im Freiburger Raum keine Rede sein. Ich versuche mich über eine der Brücken, die die Messehalle mit dem Startbereich verbindet, zu meiner Startposition vorzuarbeiten. Ah, „3 30“. Kein leichtes Unterfangen, aber gegen das, was wohl beim Halbmarathonstart geboten war, ist es echt problemlos. „3 30“, insgeheim beschließe ich, abends meine Geburtsurkunde zu konsultieren, ob ich wirklich „Michael“ heiße und nicht etwa „3 30“.    
         
    Tatsächlich schaffe ich es recht flott ins Startfeld. Es gibt zwar keine Einteilung in Startblöcke, aber einen „3 30“-Ballon, der am Absperrgitter befestigt war. Die Vermutung, dass sich dort Marathonis versammelt haben, die beabsichtigen mich in nächster Zeit auf Schritt und Tritt zu verfolgen, erweist sich als auffallend richtig. Mein Lauffreund Martin nähert sich und die Begrüßung bricht das Eis. Jetzt kommen die Fragen einiger Umstehenden. „3 30?“ „Ja, so steht es in meiner Geburtsurkunde.“ „Brutto oder netto?“ Da scheiden sich die Geister. „Netto“, sage ich, und wenn wir ein bisschen flotter sind, kann es ja auch mit brutto etwas werden.    
         
    Nach dem Startschuss von OB Salomon – eigentlich wollte er auch mitlaufen, aber wegen Verletzung… und schon gab es für ihn einen neuen Job – brauchen wir rund 50 Sekunden bis zur Startmatte. Danach geht es erstmal zäh weiter, der Erste wird ein 5:19-Kilometer. Besser als ein zu schneller und als einige Fehlplatzierte umkurvt sind, kann ich versuchen mal das gewünschte Tempo zu treffen. Das klappt schon ganz gut, aber dann hat sich die Meute gut verteilt, die erstmalige Trennung von Marathon und Halbmarathon ist zumindest für die „Ganzen“ ein Segen. Der dritte Kilometer wird etwas zu schnell, da sich das aber mit dem Ersten kompensiert, liegen wir nach drei Kilometer bei knapp unter 15 Minuten. „Tempo stimmt, schon mal ein Zwischenlob!“ ruft es von rechts hinten. Puh, Glück gehabt, der wichtige erste Eindruck ist positiv, erste Kundenzufriedenheit hat sich eingestellt, so kann es weiter gehen.    
         
    An den Verpflegungsstellen, gut beschriftet, logisch aufgebaut, bricht dennoch der Rhythmus. Noch sind wir zu viele, die gleichzeitig nach Bechern haschen. Ich schaue mich auch um, ob die Schäfchen, die ich zu identifiziert haben glaube, wieder dabei sind. Die ersten 5 Kilometer in 24:54, ich schaue öfter zur Uhr als gewöhnlich. Wir nähern uns dem Stühlinger, Studentenrevier, die Musik wird wilder. An der Blauen Brücke feuert uns das übliche Zuschauerspalier an, bald sind wir in der Altstadt. In der „KaJo“, der Kaiser-Joseph-Straße, kommen die Klagen über das dortige Kopfsteinpflaster. „Ein Hauch von London-Marathon“ versuche ich dem etwas Positives abzugewinnen. Dafür hat es viele Zuschauer, „3 30“ rufen sie, ich denke die Altstadtpassage ist ein Gewinn gegenüber der Premiere.    
         
    „Ja, er hat das Tempo angezogen“, höre ich von nebenan. Ich zucke zusammen. Früher war der Schrittmacher vermutlich über jeden Zweifel erhaben, heute hat jeder ein finnisches Präzisionsschrittmacherkontrollgerät am Handgelenk, womöglich mit satellitengestützter Beschleunigungssensortechnologie. „Geht bestimmt etwas abwärts“ rede ich mich heraus, zum Glück hat keiner die Daten des Höhenmessers parat. Also immer schön Tempo halten.    
         
Die
3h30er
nach dem
Martinstor
     
         
    Die Kartäuserstraße als Begegnungsstrecke ist ein echter Engpass. Ein italienischer Pkw und einer aus dem französischsprachigen Waadtland sind dem Halteverbot nicht gefolgt. Ich male mir lieber nicht aus, wenn die „Prügelzone“ des Halbmarathon hier durch will. Am Schlossberg vorbei freue ich mich auf Herdern. Dort ist die meiste Stimmung, das ist Freiburgs Wilder Eber. Hinaus nach Zähringen machen wir die restlichen Kilometer, die sich zurück zur Messe auf rund 21,1 Kilometer summieren. Mit 1:44:08 sind wir auch brutto knapp unter den idealen 1:45. Da capo!  
Im Ziel
3:29:17
       
    Auf der zweiten Runde versuche ich insbesondere nach den Verpflegungsstellen nicht gleich wieder zu forcieren. Zunehmend wird es schwieriger werden, das Tempo zu halten, wenn man am Limit läuft. Vor lauter Atmen hat man eigentlich keine Zeit zum Trinken. Es hustet neben mir, ein Verschlucker, das kenne ich. Mit einer beschwichtigenden Handgeste deute ich an, ruhig bleiben! Eine kurze Tempoabschwächung bringt uns nicht um. Wie immer, wenn man konstantes Tempo läuft, beginnen wir den einen oder anderen einzusammeln. Aber auch fast unmerklich verliere ich jetzt den einen oder anderen Läufer. Doch Bea, die von Anfang an in meiner Nähe lief, bleibt eisern dran. Ich spüre förmlich, dass sie sich heute etwas vorgenommen hat.  
         
    In Herdern wird die Vorentscheidung fallen, 36 Kilometer liegen hinter uns, Bea atmet tiefer, ich hoffe sie lässt sich etwas von der Begeisterung der Zuschauer anstecken und sie hält das Tempo. Nach Zähringen hinaus geht es leicht abwärts, das ist gut für die Moral. Dann kommt es knüppelhart. Ab Kilometer 39 steigt es leicht an, und mittlerweile ist ein unangenehmer Wind aufgekommen. Bea keucht und tut das einzig Richtige, sie geht erstmals in den Windschatten und ich versuche mit meinem Nebenmann eine Wand für sie aufzubauen. Immer wieder vergewissere ich mich nach hinten, ja, sie bleibt dran.  
       
    Entlang des Hauptfriedhofes ist der Wind endlich weg, noch mal heißt es beißen, ein letzter Brückenanstieg ist zu bewältigen, dann zieht Bea alleine los und brettert Richtung Ziel. In Hochstimmung laufe ich danach ins Ziel ein, 3:29:17, Zielzeit erfüllt. Wir Finisher beglückwünschen uns gegenseitig, Bea kommt auf mich zu und meint „Ohne dich hätte ich das nicht geschafft“. Ich glaube das nicht so ganz, sie ist wirklich stark gelaufen, hat kein bisschen nachgelassen, sie hatte einfach die Zeit drauf. Aber man fühlt sich als Schrittmacher doch ein bisschen als kleinen Teil des Erfolges. Gemeinsamer Erfolg, doppelter Erfolg, doppelte Freude!