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    100 km Endingen
27. 10. 2002
  © Michael Krüger
Letzte Änderung: 1.11.2002
 
Jeanette   Etwas mulmig war mir schon. "Vor der Gefahr umherfliegender Gegenstände wird gewarnt." "Vermeiden Sie Aufenthalt im Freien." So oder ähnlich klangen die Sturmwarnungen, Tief Jeanette wurde mit Windgeschwindigkeiten bis zu 120 km/h am Sonntag Abend in Süddeutschland erwartet. Oder doch schon am Nachmittag? So genau weiß man das nie...  
Distanz 100 km
Aufstieg 1070 m
Abstieg dto
Zeitlimit 13 h
Läufer ca. 40
         
6 Uhr 30   Trotzdem stehe ich am Sonntag morgen um 6 Uhr 30 an der Traubenannahmestelle in den Rebbergen gleich hinter Endingen, dem malerischen Städtchen am nördlichen Kaiserstuhl. Dort befindet sich nämlich der Start-/Zielbereich für den 8. Peterlauf. Noch ist es stockdunkel, doch da es meine zweite Teilnahme ist, kenne ich mich bestens aus und muss nicht lange suchen. Es ist nicht kalt, aber es herrscht jetzt schon ein böiger Wind, der nervös an den Zeltplanen rüttelt, irgendwie unheimlich.  
ca 15°, stürmisch
         
Morning
has
broken...
  Auch Klaus Kläger, dem Leiter des Lauftreff Endingen und Veranstalter, ist eine gewisse Anspannung anzumerken. "Wir ziehen das jetzt halt durch", und mit ihm hoffen alle, dass die Veranstaltung gut über die Bühne gebracht werden kann. Nicht wenige der Vorangemeldeten verzichten auf den Start, Nachmeldungen sind unter diesen Umständen nicht groß zu erwarten. Der Tag bricht an und wird mit Morning has broken aus den Lautsprechern begrüßt, eine friedliche Stimmung kommt auf und erzeugt in mir die Gewissheit, jetzt zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Vierzig Unentwegte stehen nun am Start, um auf die Reise über 50 oder 100 km zu gehen. Pünktlich werden wir um 7 Uhr auf den asphaltierten 10 km-Rundkurs geschickt.  
Ziel / Start
         
Renn-
ein-
teilung
  Ich würde heute gerne unter 10 Std. bleiben und habe mir vorgenommen, die ersten 10er Runden in 60 Min. zu absolvieren. Nur zu gut weiß ich von meiner ersten Teilnahme, wie schwer einem die 107 Höhenmeter pro Runde in der zweiten Hälfte des Rennens fallen können. Damals lief ich anfangs 56er- und 55er-Runden, was ich nach 80 Kilometern mit einer 1:09 für 10 km bezahlte. Auch heute will mir das nicht ganz gelingen, die 57:28 der zweiten Runde ist vor allem bei dem Wind, der auf den Steigungen zu schaffen macht, zu schnell und ich versuche mich zu bremsen.  
         
Eine
Augenweide
  Mittlerweile schaut auch mal die Sonne heraus, die herbstlich gelben Weinblätter leuchten auf und bilden einen dramatischen Kontrast zu den pechschwarzen Wolken über uns. Eine Augenweide, jetzt hier zu laufen. Überwiegend sind die Trauben geherbstet, an manchen Stellen ist Trester auf den Boden ausgebracht und es duftet wie im Winzerkeller. Die landschaftlich schöne Runde bietet viel Abwechslung und schöne Blicke hinüber zum nahen Schwarzwald.  
         
Sprinter   Kurz nach 10 Uhr überholt mich plötzlich ein gelber Düsenjet, der sich bei genauerer Betrachtung als 5x10km-Staffelläufer der Polizei BW entpuppt. Jetzt wird es lebhafter auf und am Rande der Strecke. Da rund zwei Drittel der Runde als Begegnungsstrecke konzipiert ist, bekommt man viel vom Wettkampfgeschehen mit und ist selten alleine. Ich selbst laufe gleichmäßig, komme aber mit der Getränkeaufnahme nicht so recht klar. Vielleicht war das Abendessen doch zu reichlich und das Frühstück um 4 Uhr 45 muss auch erstmal verkraftet werden, jedenfalls bekommen mir die Getränke nicht sonderlich gut.  
         
Werwölfin
auf
der
Strecke
  Dafür bekomme ich während der 5. Runde Begleitung, Gabi lässt es sich nicht nehmen, eine 10er-Runde mit mir zu drehen, eine nette Abwechslung, wir plaudern über dies und jenes, also über Laufen und Laufen. Leider macht sich ein unangenehmer Druck an der linken Fusssohle bemerkbar. Wenn eine neue Socke im Training funktioniert, heißt das für den Wettkampf noch gar nichts. Eine kurze Kontrolle fördert weder Steinchen noch Sockenfalten zu Tage, dafür eine Blase. Am Ende der Runde besorgt Gabi mir ein Blasenpflaster, das aber partout nicht halten will und so laufe ich lieber ohne weiter, denn ein rutschendes Pflaster richtet sicher mehr Schäden an als gar keins.  
       
DNF
gefällig ?
  So mache ich mich wieder alleine auf die Strecke. Gut 50 km sind geschafft, als mich unversehens die Krise erwischt. So früh wie noch nie. Das kann nicht gut gehen, höre ich mich sagen, ich muss ja noch mal so weit laufen. Der Wind wird stärker, wer weiß, vielleicht müssen wir ja alle den Lauf abbrechen. Wozu dann jetzt noch diese Schinderei? Gehört ein "Did Not Finish" nicht zu jeder ordentlichen Ultrakarriere? Heute wäre ein optimaler Zeitpunkt dazu. Unter 10 Std. schaffe ich so auch nicht. Je länger ich unterwegs bin, desto näher rückt vielleicht der Orkan. Negative Gedanken gehören zur Krise - nein, die negativen Gedanken sind die Krise!  
         
Krisen-
Management
  Jetzt sind Antworten gefragt. Gute Antworten. Hatte ich nicht das ganze Jahr gehofft, wenigstens am Jahresende in Endingen laufen zu können? Sicher, die Vorbereitung war alles andere als optimal, aber es müsste doch reichen! Klaus und seine Helfer reißen sich 140 mal 5 Beine aus, um einen tollen Wettkampf zu bieten und ich sage nach 50 km "Tschüss, keine Lust mehr?" Und überhaupt: letztes Jahr beim 24h-Lauf war ich mit viel Gehpausen nach 11 Stunden und 100 absolvierten Kilometern noch ganz frisch. Das baut mich auf. Genau: geh' mal ein Stück. Ich streiche jedes Zeitziel aus meinem Kopf. Ich kämpfe nicht mehr gegen Wind und Steigung gleichzeitig, zwei gegen einen gilt nicht!  
       
Einheizer   Ich gehe die erste Steigung der Runde und siehe da, ich erhole mich prächtig. Die Zuversicht kehrt zurück, plötzlich habe ich nicht den leisesten Zweifel, dass ich es heute schaffe. Es macht wieder Spaß und das Malzbier schmeckt jetzt hervorragend. Den ganzen Lauf über werde ich bei flüssigen Kohlenhydraten bleiben. Nach dem nächsten Verpflegungsstand geht es wieder bergauf, auch diesmal im Gehtempo. Am Ende der Steigung jedoch steht eine Einheizertruppe. Sobald sie einen Läufer die Steigung heraufkommen sehen, veranstalten sie einen Höllenlärm. Wenn sie einen Geher sehen erst recht. Mit Trillerpfeife und rhythmischem Klatschen animieren sie mich (und andere) erfolgreich, wieder in den Laufschritt zu verfallen. Oben gibt es als Belohnung aufmunternde Worte. Extraklasse und vielen Dank!  
         
Regen-
bogen
  Die nächsten Runden laufen gleichmäßig, mit Gehpausen zur Verpflegung und teilweise an den Steigungen pendle ich mich auf einen 6:30er Kilometerschnitt ein. Manchmal macht der Wind eine gespenstische Pause um bei nächster Gelegenheit umso heftiger zu blasen. Ab und zu fällt etwas Sprühregen, dann bricht die Sonne hindurch und ein gigantischer Regenbogen erstrahlt über der Rheinebene. Ich sauge das Bild förmlich in mich auf, die für allerlei Symbolik ge- oder auch missbrauchte Naturerscheinung ist wie eine Projektion des inneren Friedens, der mich immer auf solchen langen Läufen begleitet.  
Anke
Drescher
       
Auf
ein
letztes
Mal
  Je länger der Lauf andauert, desto besser fühle ich mich. Die letzte Runde kann ich das Tempo gar noch etwas forcieren und ganz durchlaufen. Es ist wie eine Ehrenrunde, ich verabschiede mich von den netten Helfern, sowohl vom Rande der Strecke als auch von den anderen Läufern kommt die Frage "Letzte Runde?". Ich nehme die vorzeitigen Glückwünsche entgegen und wünsche im Gegenzug noch viel Spaß und alles Gute auf den letzten Kilometern. Manch einer wird sich fragen, wie man 10 mal hintereinander die gleiche Runde laufen kann. Es hat seine eigenen Gesetze und seine eigenen Vorzüge, die Ehrenrunde gehört dazu. Man muss es selbst erlebt haben, und Endingen kann ich dazu nur empfehlen.  
         
99...
100 !
  Mein Zieleinlauf verläuft ganz unspektakulär. Zuschauer und der Streckensprecher zelebrieren im Zelt gerade die Siegerehrung des Marathonwettbewerbs. Die Helfer bei der Zeitnahme reagieren teilnahmslos - hoffentlich haben sie alle meine Runden korrekt registriert. 100 Kilometer habe ich absolviert und jetzt stehe ich alleine und verloren ein paar Schritte vom Ziel entfernt. Dafür breitet sich eine unendliche Zufriedenheit in mir aus, wer läuft schon 100 Kilometer nur wegen des Zieleinlaufes? Das kann man einfacher und schneller haben.    
         
    Aufgrund des kleinen Teilnehmerfeldes finde ich mich auf dem 2. Platz meiner Altersklasse wieder und darf neben Urkunde noch ein Weinpräsent vom reich gedeckten Gabentisch mit nach Hause nehmen. Das größte Geschenk jedoch ist unsichtbar. Und dafür werde ich auch nächstes Jahr wieder in Endingen starten.   Fotos von
Gabi Leidner,
Danke!