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    Sri Chinmoy
24 Stunden-Lauf Bobingen
15./16. 9. 2001
  © Michael Krüger
Letzte Änderung: 24.9.2001
 
Links   Homepage des Sri Chinmoy Marathon Teams    
 
Mein erster
24 Stunden-
Lauf
  Lediglich 31 Läufer, darunter 2 Läuferinnen treten an zum 24 Stunden-Lauf in Bobingen, kein Wunder, wurden doch eine Woche zuvor in Fellbach die Deutschen Meisterschaften in dieser Disziplin ausgetragen. Mit einer Schweigeminute gedenken wir den Opfern der Terroranschläge in New York und Washington, bevor der Wettkampf Punkt 12:00 gestartet wird.  
Rundkurs 2186m
  flach
LäuferInnen:  

24 h

31

12 h

14
         
    Es ist trocken, aber kühl, und diese Bedingungen sollten immerhin 12 Stunden so bleiben. Die Spitze des Feldes legt ein Tempo vor, dass mir die Spucke wegbleibt. Immer wieder werde ich von einer handvoll Läufer überrundet, und ich frage mich, wie lange sie das wohl durchhalten.  
ca. 11° bis 5°
         
5:1   Ich halte mich streng an die Strategie, die ich mir zurecht gelegt hatte: fünf Minuten Laufen im 6min/km Tempo, dann eine Minute Gehen. Das paßt ziemlich gut auf den Rundkurs, nach der Verpflegungsstelle und einen guten Kilometer später gehe ich jeweils eine Minute. So ergibt sich eine vorgegebene Rundenzeit von 14:20, und dieses Tempo überprüfe ich bei jeder Ankunft an der Verpflegungsstelle.    
         
200 km ?   Auf den ersten Blick sieht das nach viel Gehen aus. Hält man diesen Lauf-Geh-Rhythmus jedoch 22 Stunden durch, hat man schon die 200 km Marke überschritten und ist dabei nur gut 18 km gegangen. Zwei Stunden bleiben für Pausen bzw. für die Verlamsamung des Tempos in der zweiten Wettkampfhälfte. Ich hielt das für durchaus machbar, allerdings fehlte mir völlig die Erfahrung jenseits der 100 km, daher war mein Ziel, die ersten 12 Stunden locker und ohne Druck dieser Strategie zu folgen und dann weiter zu sehen.    
         
Die
Runde
  Der Rundkurs ist asphaltiert und fast eben. Eine lange Passage, vorbei an der Singoldhalle (Umkleide, Dusche, Schlafgelegenheit) und der Zählstation, führt an einem Bach entlang, hier tummeln sich Enten und Schwäne, dieser idyllische Streckenabschnitt wird mir immer wieder Gelegenheit zur Ablenkung bieten. Am Ende steht die Verpflegungsstation und nach ein paar weniger schönen Metern gelangt man auf einer gesperrten Autostraße schließlich auf einen Gehweg, den man wieder bis zu besagtem Bach folgt.    
         
42,195 km   Meine Rundenzeiten liegen perfekt zwischen 14 und 15 Minuten, kein Wunder, alle langen Trainingsläufe während der Vorbereitung hatte ich so durchgeführt und diesen Rhythmus eintrainiert. Die Zwischenzeit für die Marathondistanz wird exakt bestimmt, schon nach rund 3h30 erhält der erste Läufer an der Zählstation das Fähnchen mit der Aufschrift "42,195km". Welch ein Tempo! Ich selbst werde eine Stunde länger benötigen und vollende in exakt 4:31:25 den ersten Marathon. Noch drei weitere sollen folgen, denke ich bei mir, und dann noch die Kür obendrauf. Doch soweit sind wir noch nicht, ich teile mir das Rennen in überschaubare Abschnitte ein, jetzt konzentriere ich mich auf die zweiten 42km, das entspräche dann etwa meiner längsten Wettkampfdistanz in diesem Jahr.    
         
Zu Tisch!   Alle 15 Minuten passiere ich also die Verpflegungsstelle, ideal zur gleichmäßigen Getränke- und Nahrungsaufnahme, und ich bediene mich in jeder Runde aus dem reichhaltigen Angebot: Wasser, Isogetränk, Tee, Apfelsaft, zu Cola, Malzbier und alkoholfreiem Bier werde ich erst später greifen. Als feste Nahrung stehen zur Verfügung: Bananen, Apfel, Gurke, Tomaten, Salzbrezeln, Kartoffelchips, Kuchen, Kekse, Schokolade, Brote, später Suppe, teils mit Reis, Kartoffeln... für Abwechslung ist gesorgt!    
         
Es wird
Nacht
  So langsam bricht die Abenddämmerung herein, sogar die Sonne zeigt sich noch etwas und es ist wunderschön, den Bach entlang zu laufen. Die Enten haben ihr Tagwerk vollendet, watscheln auf den Rasen neben der Strecke, um sich auf die bevorstehende Dunkelheit vorzubereiten. Für uns Läufer ist die Strecke fast durchgehend von Straßenlaternen beleuchtet, eine bestehende Lücke wurde schon am Nachmittag von Helfern mit Scheinwerfern geschlossen.    
         
Der zweite
Marathon
  An der Zählstation kennt man uns nun schon, jeder Läufer wird freudig mit dem Namen begrüßt, angefeuert, und wer nicht zu den ersten Sieben gehört, die auf der Anzeigetafel ihre Kilometerleistung und Platzierung ablesen können, bekommt es von seinem persönlichen Zähler mitgeteilt. Es ist bereits Nacht, als ich nach 21 Uhr das zweite Mal die Marathondistanz vollendet habe. Der nächste Meilenstein ist die 100km Marke.    
         
100 km   Mein Lauf ist so gleichmäßig und mühelos, ich fühle mich wie eine Maschine, bestens gewartet, geschmiert, geölt, mit neuesten Ersatzteilen versehen, nichts kann mich stoppen, Kilometer über Kilometer werden abgespult. Meinen Zeitplan habe ich fast auf die Minute erfüllt, als ich unter dem Jubel der Zähler das 100km Fähnchen in Empfang nehme, ein schöner Augenblick, eine schöne "Ehrenrunde". 10h50 stehen zu Buche und nun wird es spannend, ich betrete Neuland. Noch nie lief ich weiter als 100km, noch nie war ich zuvor länger als 10h17 unterwegs.    
         
Neuland   Klar, Mitternacht ist das nächste Ziel. Dann starten auch die 12 Stunden-Läufer und als sie sich zum Start versammeln, beginnt es zu regnen. Ich tausche mein Fleece gegen Regenjacke und Mütze, beides sollte ich bis zum Ende nicht mehr ablegen. Die nahe Kirchturmuhr schlägt 12 und mein erstes Ziel ist erreicht, 12 Stunden und fast 110km sind locker gelaufen, jetzt wird es spannend. Die beiden Führenden müssen nun doch ihrem Tempo Tribut zollen und geben das Rennen auf, es kommt Bewegung in die Rangliste.    
         
Schwäche-
phase
  Auch meine Rundenzeiten werden jetzt länger. 12 Stunden habe ich kontinuierlich gegessen, jetzt verweigert sich der Magen. Um diese Uhrzeit ist er keine Nahrungsaufnahme gewöhnt, ich steige um auf Malzbier. Ich weiß, jede Schwächephase hat auch wieder ein Ende, so laufe ich einfach langsamer weiter. In die Gehpausen habe ich längst gymnastische Übungen eingebaut, das hilft mir locker zu bleiben und ist eine nette Abwechslung.    
         
Der Kick   Es muss so um die 2 Uhr morgens sein, in Gedanken beschäftige ich mich gerade damit, den dritten Marathon beendet zu haben, da reißen mich freudige Zurufe der Zähler aus meinen Gedanken: "Michael, Du stehst auf der Tafel, 126km, super!" Tatsächlich, ich tauche an siebter Stelle auf. Ein großartiges Gefühl, zeigte es mir doch, dass meine Strategie so falsch nicht sein konnte. Die Schwäche weicht einem Gefühl der grenzenlosen Stärke. Zu 200km fehlen nur noch 74km. Sofort kommt mir in den Sinn, das ist gerade die Distanz des Rennsteiglaufs. Ich rufe in das Dunkel der Nacht hinaus: "Nur noch den Rennsteig, und das ohne jeden Höhenmeter, das ist ja ein Klacks," und über soviel Übermut muss ich lauthals lachen und laufe total euphorisiert weiter.    
         
Wolken-
bruch
  Gegen 4 Uhr öffnet dann der Himmel seine Schleusen, nach kurzer Zeit bilden sich große Pfützen, patschnass und mit Wasser in den Schuhen, der zunehmenden Kälte ausgesetzt, melde ich mich beim Zähler ab, schnappe meine Tasche und verschwinde in die Halle. Dort haben sich schon einige Läufer auf ihren Matratzen bequem gemacht. Angesichts des ekligen Wetters keine schlechte Alternative. Wer weiß, was ich gemacht hätte, läge dort auch ein Schlafsack für mich bereit. Wohlige Wärme empfängt mich in der Umkleide. Zwei weitere Läufer sind am Duschen und wundern sich, dass ich wieder auf die Strecke will. Ich ziehe mich komplett frisch an, wärmer, vier Schichten am Oberkörper, Handschuhe, trockene Schuhe.    
         
Eises-
kälte
  Trotzdem beginne ich sofort zu frösteln, als ich die Halle verlasse. Es regnet nur noch leicht, aber es dürfte nur noch 5-6° haben. Ohne Zögern laufe ich los und nach 300m höre ich auf zu zittern. Jetzt fühle ich mich wohl in der neuen Kleidung, das Essen schmeckt wieder und bald wird es hell werden. Runde um Runde sammle ich Kilometer für das nächste Teilziel: 100 Meilen (160,9km).    
         
100 Meilen   Die sind erreicht noch vor 7 Uhr. Das Wetter hat sich gebessert, es dämmert, die Wasservögel erwachen aus ihrer Nachtruhe. Mittlerweile bin ich auf den 4. Gesamtplatz vorgerückt. Was ist jetzt noch möglich? Noch einen knappen Marathon, um die 200km zu knacken? Es sind noch über 5 Stunden Zeit! Die für mich phantastische Platzierung halten? Sie muß über 5 Stunden verteidigt werden! Diese Vorstellung ist entmutigend und ich versuche das so schnell wie möglich aus dem Kopf zu bekommen. Stattdessen sage ich mir immer wieder "Toll, du hast noch 5 Stunden Zeit, die gilt es zu nutzen".    
         
Der Kampf   Das Laufen jedoch fällt mir immer schwerer. Die Gehpausen werden schon mal länger. Keep movin'. Leichte Schmerzen am linken Schienbein stellen sich ein. Einfach weiter. Die begeisterten Zurufe der Zähler nehme ich eher teilnahmslos entgegen. Noch eine Runde! Die harte Phase meines Laufes bricht unwiderruflich an. Jede Stunde zieht sich nun wie Kaugummi.    
         
Verfolger   Gegen 8 Uhr kommt wieder Bewegung in die Rangliste. Ein neuer Name taucht unter mir auf, und bald läuft er zu mir auf, jetzt habe ich gerade noch eine Runde Vorsprung. Meine Taktik ist, ihn nicht davonziehen zu lassen, doch dazu muß ich meine Gehstrategie aufgeben. Ich kämpfe, es ist hart, aber es gelingt mir. Dafür werden die Schmerzen am Schienbein schlimmer. Ob ich das noch 4 Stunden durchhalte?    
         
Noch
2 Stunden
  Mittlerweile bin ich auf den 5. Platz zurückgefallen, unbemerkt hat sich ein anderer Läufer an mir vorbeigeschoben, aber dem hätte ich sowieso nicht folgen können. Eine Stunde vor dem Ende müssen wir dann noch einen Wolkenbruch über uns ergehen lassen. Nur noch vom Willen angetrieben drehe ich die letzten Runden, kaum schneller als Gehtempo. Wie eine Erlösung erscheint es mir, als ich am Zählstand die Fahne für die letzte Runde überreicht bekomme. Noch 10 Minuten sind Zeit, ich gehe den Rest gemütlich und lasse die große Fahne triumphal im Wind wehen. Schließlich ertönt das Hupsignal, ich lege die Fahne nieder. Jetzt kann ich vor Schmerzen kaum noch laufen.  
       
Es
ist
geschafft
  24 Stunden laufen, laufen, laufen, ein unbeschreibliches Erlebnis. 198,128 km habe ich erzielt, damit wurde ich Zweiter der Hauptklasse (18-49 Jahre) und bekam bei der Siegerehrung zum ersten Mal einen Pokal überreicht. Der Lauf in Bobingen ist eine perfekte Veranstaltung, selbst Urkunde und Ergebnislisten waren zur Siegerehrung schon bereit. Den größten Applaus erhielten zu recht die vielen Helfer, die sich so viele Stunden um uns gekümmert hatten.  
         
    Nun zu den Schattenseiten. Das mehrstündige Ignorieren der Schmerzen im linken Schienbein bezahle ich mit einer happigen Muskel- / Sehnenentzündung. Ein teurer Preis für die Erfahrung, dass bei solch langen Läufen die Fähigkeit, auf seinen Körper zu hören, entscheidende Bedeutung hat. Für knapp 200km war mein Körper noch nicht bereit. Nächstes Jahr werde ich das besser machen!