11./12.06.04 - 46. Bieler Lauftage

Biel aus Premierensicht

Tour de Biel? Runners first!

von Michael Krüger

Natürlich muss man einmal nach Biel. Selbst renitente Charaktere, die sich am scheinbar innewohnenden Imperativ stören mögen, sehen irgendwann ein, Widerstand ist zwecklos. Das „Muss“ drückt denn auch eher das Unvermeidbare aus, nicht zwanghaft sondern zwangs-läufig wird jeder, der an Strecken jenseits des Marathons interessiert ist, sich früher oder später in Biel unter die Startenden einreihen.

Noch rasch den Kontrollabschnitt abgerissen, tut auch nicht weh und egal ob stolz wie Oskar... ... oder noch unter Schock, Hauptsache man sitzt auf der Finisherbank Dr. Holger Finkernagel (re.) am Ziel. 100 km von Biel als Trainingslaufs für den Badwater Ultra

Zog in den vergangenen Jahren bei der Frage „Rennsteig oder Biel“ Letzteres bei mir den Kürzeren, so konnte ich in diesem Jahr durch die simple Formel „Rennsteig UND Biel“ die ersehnte Premiere realisieren. Und ich wurde nicht enttäuscht. „Natürlich!“, ist man versucht zu sagen. Die elektrisierenden Startkilometer in Biel, das Zuschauerspalier auf der Holzbrücke hinein ins historische Aarberg mit der unvergleichlichen Atmosphäre, die überall begeistert mitgehenden Zuschauer in jedem Dorf, im Festzelt oder auf der privaten Party am Streckenrand, der abenteuerliche Ho-Tschi-Minh-Pfad, jeder kennt es aus unzähligen Schilderungen, und dennoch muss man es erlebt haben.

Trotzdem hatte Biel eine handfeste Überraschung für mich als Neuling parat: In Lyss durchlief ich ein Spalier der besonderen Art. Eine Armada von Fahrradbegleitern stand bereit in freudiger Erwartung ihres Läufers. Ausgerüstet mit Halogen vorne und Dioden hinten, manche mit Gepäck, die eine 14-tägige Rundfahrt vermuten lassen. Ich gestehe, ich war fassungslos. Ist ansonsten eher üblich, dass Fahrradbegeleitung verboten ist, so ist sie in Biel ausdrücklich erlaubt. „Wieviel Favoriten hat es hier eigentlich?“ schoss mir durch den Kopf. Dass im Kampf um vordere Platzierungen jede erlaubte Unterstützung genutzt wird, liegt auf  der Hand. Aber weiter hinten im Feld?

Schwäbische Alb Marathon Veranstalter Erich Wenzel bei Km 99. 13:45 h - klasse, es geht wieder Nur noch 1,5 km für Beat Pfaff ... ... und Harald Wagner

Nun, was dem Favoriten recht ist, kann allen anderen nur billig sein. So zog sich also ab Lyss erst mal ein Endlosband von roten Lichtpunkten durch die Landschaft. Offensichtlich hatte man die Fahrer instruiert, die Leuchtdioden nicht im für die Nachfolgenden nervtötenden Blinkmodus zu betreiben und fast alle hielten sich daran. Gut so! Die Scheinwerfer der Radler in der unmittelbaren Umgebung sorgten immerhin für partielle Streckenbeleuchtung.

Ein letzter Blick über die Weiden Lothar Hülsenbeck Winfried und Gisela Horn

Obwohl ich also durchaus auch profitierte, kam ich mir anfangs vor wie im falschen Film. Ist das nun eine Laufveranstaltung oder ein Veloplausch? Wie auf einer Tour de France Etappe, wo sich mehr motorisierte Fahrzeuge von Renndirektoren, Teamleitern, Fernsehen, Presse usf. als Rennfahrer auf der Strecke tummeln, so kam es mir vor. Tour de Biel? Dazu kamen auch einige offensichtliche „Schwarzfahrer“ (registrierte Begleiter müssen eine Velovignette erstehen), die die Nacht der Nächte für eine unkonventionelle Fahrradtour nutzten. So auch ein Tandem, das bei den Zuschauern für Abwechslung sorgte und mit nettem Applaus bedacht wurde.

22 Stunden haben die Läufer Vorrang, dafür wird gesorgt. Läufer, Velo-Coach und Helfer gehören in Biel zusammen

Natürlich gewöhnt man sich an diese Situation. Auch daran, dass die Radler mit ihren persönlichen Helden manchmal die komplette Strassenbreite in Anspruch nahmen und man Überholmanöver besser vorher ankündigt. Schule machen sollte allerdings, was bei einigen Verpflegungsstellen schon realisiert war: An den Tischen mit dem begehrten Flüssigen und Festen gab es einen Laufkanal für die Läufer, Radbegleiter mussten erst auf der gegenüberliegenden Seite ihr Velo ablegen. Richtig so, es kann nicht sein, dass man nach 80 gelaufenen Kilometern lechzend nach dem Getränk seiner Begierde von Velos blockiert wird, die natürlich ausgerechnet gerade davor stehen. Dass man als Läufer in dieser Situation auch mal einen wenig freundlichen Ton anschlägt, dürfte nachvollziehbar sein. Besser für alle ist, diese Konfrontation zu vermeiden. Die meisten Supporter verhielten sich sicher vorbildlich, den übrigen möchte ich mit auf den Weg geben: Liebe Fahrradbegleiter, Runners first!