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    Marathon du Ballon d'Alsace
12. 6. 2005

Durch Höhen und Tiefen...

  © Michael Krüger
Letzte Änderung: 14.10.2005

Veranstalter Homepage

 
WWRU
geplatzt
  Eigentlich wollte ich an diesem Wochenende mit Shakal Ryan und (zumindest am Samstag) mit „Jolle“ Beck durch den Schwarzwald laufen. Geplant war, in 4 Tagen von Baden-Baden nach Bad Krozingen über den Westweg zu laufen (WWRU: „Westweg-Rosinen-Ultra“). Leider bekam ich kurzfristig Urlaubssperre, weil am Mittwoch danach ein wichtiger Software-Release anstand.

Wenn man schon umplanen muss, dann kann man vielleicht etwas ins Auge fassen, was man schon länger gerne gemacht hätte, aber aus Termingründen stets schwierig zu realisieren war. Der Marathon du Ballon d’Alsace ist so eine Veranstaltung. Zwischen Rennsteiglauf und Biel eingepfercht ist nicht jedes Jahr die Gelegenheit dazu. Also 2005 bei der 21. Austragung kurzfristig die Gelegenheit beim Schopf gepackt.

 
Distanz 42,195 km
Aufstieg 1136 m
Abstieg 1500 m
Zeitlimit 6 h 30
Läufer 200


ca. 20°C

         
Früh
raus...
  Eigentlich hatte ich trotzdem nicht die rechte Lust. Samstag Nacht schaffte ich es nicht, mich rechtzeitig zum Schlafengehen zu motivieren, es wurde halb eins... Also raus um 20 vor 6, Kaffee und Toastbrot und ab nach Masevaux in die Vogesen, 50 min Autofahrt von zu Hause. Problemlos fand ich dort den „Salle Polyvalente“ (Mehrzweckhalle), wo das Ziel ist und die Startunterlagen abgeholt werden können.  
         
Licensée   Ich muss nachmelden, das kostet schlappe 17 EUR, der Voranmelder berappt günstige 15 EUR. Als stolzer Besitzer eines DLV-Startpasses trage ich unter „Licensées“ meine Athletennummer ein und vermeide so die Nachfrage nach dem in Frankreich obligatorischen Gesundheitszeugnis. Es gibt ein T-Shirt (qualité simple, logisch bei dem niedrigen Startgeld), weiss, mit kleinem Aufdruck „Marathon du Ballon d’Alsace“ und werbefrei. Am Ende wird es eine Finisher-Medaille geben, Zielverpflegung und die Busfahrt zum Col de Hundsruck ist auch inbegriffen. Also eine unschlagbar günstige Angelegenheit.  
Streckenplan
         
Bustransfer   Der Start findet nämlich am Col de Hundsruck statt, deshalb der Bustransfer. 7 Uhr 45 soll Abfahrt sein und tatsächlich finden sich um diese Zeit zwei Busse ein. Bequem legen wir die Fahrt von Maseveaux (410m) zum Col de Hundsruck (748m) zurück. Neben 42,195 km in ursprünglicher Natur bietet die Runde auch noch 1136 Höhenmeter im Aufstieg. Mathematisch geprägte Leser haben schon bemerkt, abwärts geht es noch rund 340m zusätzlich, also an die 1500 Höhenmeter. Dazu kommt die überaus schwierige Wegbeschaffenheit, wer je in den Vogesen wanderte, weiss, dass Bergstiefel dort absolut kein Luxus sind. Also habe ich mich ganz klar für den Einsatz meiner Trail-Schuhe entschieden.  
Profil
         
Parfait!   Bis zum Start um 9 Uhr ist noch Zeit und ich kann mich noch etwas einlaufen. Nach den kalten Nächten der vergangenen Tage bin ich froh, dass es überraschend mild ist, ich hatte schon befürchtet, schlotternd am Col zu stehen, doch keiner der 200 Teilnehmer musste frieren. Kurz vor dem Start deponierten wir unser Restgepäck in den Bus zum Rücktransport nach Masevaux. Organisation parfait!    
         
Allez,
allez
  Pünktlich geht es los. Nach wenigen 100 leicht steigenden Metern geht es gleich zur Sache. 400 Höhenmeter hoch zum Vogelstein, schon nach 5 Minuten bin ich klatschnass. Ich leiste mir Puls 170 gegenüber der bei flachen Marathons sonst bei mir üblichen Anfangspuls von 155. Schliesslich geht es ja auch immer wieder bergab und man kann sich erholen. Das Feld sortiert sich und das ist gut so, denn bald geht es auf einen schmalen Pfad. Kilometerweit...  
         
Cross!   Genauer gesagt sind gut 80 Prozent des Kurses schmale Pfade, extrem steinig, wurzelig oder geröllig, mit kurzen Kletterpassagen, brutal steilen Abstiegen, ein waschechter Cross-Marathon. Fast jeder Schritt muss wohl überlegt sein, permanente Rhythmuswechsel an der Tagesordnung. Die Marathons im Schwarzwald, Schwäbische Alb-Marathon, Harzquerung, das alles sind Mädchenpensionatsausflüge dagegen. Erst im letzten Jahr wurde der Streckenrekord auf unter 3 Stunden gedrückt vom Seriensieger Lionel Eich, 2:54. Wie man auf einem solchen Kurs so schnell laufen kann ist mir ein absolutes Rätsel.  
         
Der
erste
"DNF"?
  Dennoch befinde ich mich in einer 10-köpfigen und 20-füssigen Gruppe, wo ganz nett die Post abgeht. Das Problem ist, man müsste immer genügend Abstand zum Vordermann halten, um den schwierigen Weg gut im Blick zu haben, aber der Hintermann sitzt einem im Nacken und man will keine gefährlichen Überholmanöver provozieren. Nach 8 Kilometern passiert es, ich stolpere, kann den Sturz mit Mühe vermeiden und vertrete mir beim Abfangen den linken Fuss. Ein stechender Schmerz sagt mir, der Wettkampf ist vorbei. Ich lasse die Jungs ziehen und mache einige vorsichtige Schritte. Es schmerzt tierisch und wenn der Mittelfuss anschwillt, dann ist das wohl in meinem 89. Wettkampf meine erste Aufgabe. Weiter muss ich aber trotzdem erst mal und so laufe ich ganz vorsichtig in niedrigem Tempo, einer nach dem anderen läuft von hinten auf und ich gehe einen Schritt beiseite, so dass ein Überholen möglich ist.  
         
Es keimt
Hoffnung
  So langsam lässt der Schmerz nach und ich versuche die spezielle Bewegung zu vermeiden, die den Fuss schmerzen lässt. Es geht überraschend gut, vor allem bei bergab Passagen muss ich aber höllisch aufpassen. Bei der zweiten Verpflegungsstelle bei km 12.5 keimt Hoffnung auf, dass ich doch zu Ende laufen kann. Zeit spielt keine Rolle, 1:13 bin ich bereits unterwegs. Ich tröste mich erstmal mit leiblichen Genüssen, neben Wasser, Tee und Iso gibt es die übliche Verpflegung à la française, Bananen, Zitronen- und Orangenschnitze, Trockenobst. Dazu ein Brot, das aussieht wie Zwieback, aber weich ist. So wird Brot mit Banane und süßer Tee mein Standardmenu.  
         
Courage!   An der dritten Verpflegungsstelle ist bereits fast Halbzeit, 20 km sind geschafft. Mein Fuss wird von Kilometer zu Kilometer besser, bei flachen, weichen Passagen kann ich sogar richtig das Tempo anziehen. Entgegenkommende Wanderer machen auf den schmalen Pfaden sofort Platz, „Courage“, „Allez, allez, allez“ schallt es uns entgegen. Ich passiere den namensgebenden Ballon d’Alsace, der Gipfel selbst ist über 1200 m hoch. Die Zuversicht steigt, aber vor dem Abstieg hinunter nach Masevaux ist mir jetzt schon bange, wird das mein Fuss mitmachen?  
         
Krampf   Im munteren Auf und Ab bekomme ich einen Vorgeschmack. Eine extrem steile Bergabpassage maltraitiert nicht nur meinen linken Fuss, jetzt tut mir auch das Knie weh. Wieder mal Tempo rausnehmen, bis sich auch das wieder gibt. Aber mittlerweile sammle ich die meisten Läufer ein, die mich nach meinem Malheur überholten. Es macht also mal wieder richtig Spaß. Bei Kilometer 28 und 30 folgen kurz hintereinander zwei Verpflegungsstellen. Dazwischen beginnt langsam die Innenseite des linken Oberschenkels zu krampfen. Herrje, sowas hatte ich schon lange nicht mehr. Wie von Zauberhand verschwindet das aber beim Verpflegungsstopp und ich kann weiter locker laufen.  
         
Doch
noch
sub-4
  Bei Kilometer 35 befindet man sich noch auf fast 1000 m Höhe, letzte Gelegenheit Verpflegung aufzunehmen, dann stürzt man sich 500 m hinab zum Ziel. Zum Glück ist es ein breiter, gleichmäßig geneigter, gut zu laufender Forstweg. Meine Zwischenzeiten zeigen, dass es vielleicht noch möglich ist unter 4 Stunden zu bleiben, also lasse ich es laufen, so gut es eben geht. Vor mir bleibt ein Läufer stehen und beginnt zu dehnen. Wie auf Befehl fährt mir wieder ein Krampf in den Oberschenkel. Tempo raus, lockern, dann geht es wieder. An der 40 Kilometer-Marke zeigt die Uhr 3:50, das könnte reichen. Der Ortsrand von Masevaux ist erreicht, endlich Asphalt! Einer vor mir muss noch dran glauben, dann laufe ich ins Ziel, 3:58:22.  
         
Une autre biere, s.v.p.   So richtig ausbelastet fühle ich mich keineswegs, aber der Bewegungsapparat ist absolut überstrapaziert. Die 300 m zum Schwimmbad, wo die Duschen sind, geraten mehr als ungelenk. In der Umkleide lassen sich jede Menge Schürfwunden bewundern, Knie, Hände, Schultern. „If you don’t return bleeding, it’s not a trail run“, nie war diese Weisheit so wahr wie heute. Zurück in der Halle genehmige ich mir einen „Assiette sportive“, Salate mit Salami, Schinken und ein Stück Käse. Der darauf befindliche Kartoffelsalat wäre in Schwaben ein glatter Scheidungsgrund, aber der Hunger zwingt es rein und mit zwei kleinen Bieren rutscht das ganz gut.    
         
    Mittlerweile hängt die erste Seite der Ergebnisliste aus, ich rangiere auf Platz 40. Lionel Eich hat zum 7. Mal in Folge gewonnen und ist ein zweites Mal unter 3h geblieben. Der absolute Wahnsinn.